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Andere Farben

Erschienen im Jahrbuch des DBSV "Weitersehen 2010"

Im Dezember 1989 muss man noch Gespräche beim Fräulein vom Amt anmelden, um von Dresden nach Karlsruhe zu telefonieren. So kommt der Rückruf unerwartet und ich bin etwas verwirrt, als ich das Gespräch annehme. Herr Joachim Klaus, Leiter des Modellversuches „Informatik für Blinde“ an der Universität Karlsruhe sagt: „Wir sind gerade auf der Suche nach Kopfkissen für Sie und Ihren Begleiter und freuen uns sehr, Sie für ein halbes Jahr als Austauschstudenten in der badischen Fächerstadt begrüßen zu können“.

Zusammen mit Ingo Clasen fahre ich Anfang Februar im Nachtzug von Dresden nach Karlsruhe. Unsere Kopfkissen liegen im Hans-Dickmann-Kolleg (Hadeko), einem Studentenwohnheim, in dem sich ein ostdeutscher Informatikstudent wie in einem Paradies vorkommt.

Jochen - hier im Westen scheinen sich alle zu duzen - meint: „Studierende mit einer Behinderung sollen eigenständig ihren Abschluss erwerben.“ Die Unterstützung durch die Mitarbeiter des Modellversuches kommt vor allem durch die Aufbereitung von Studienmaterialien in digitaler Form, die Bereitstellung von Hilfsmitteltechnik und verschiedene Beratungsangebote zum Tragen. Da bin ich froh, dass ich als Späterblindeter gerade noch ein Mobitraining in Berlin-Hirschgarten absolviert habe und ausgiebig Gelegenheit bekomme, mit dem Langstock von der Uni zum Hadeko und zurück durch den beginnenden Frühling zu wandeln. Ich kann die Farbenpracht nicht sehen, jedoch riechen und schmecken, was die Natur so zu bieten hat, und was zum Angebot einer prosperierenden Verkaufskultur im Westen gehört. Am Abend tauschen sich Ingolf und ich über unsere Erfahrungen aus und lernen die Bräuche und Rituale eines multikulturellen Wohnheimlebens kennen.

Einige Wochen später fahren Jochen und ich die schönste Zugstrecke Deutschlands am Rhein zu einer Integrationsfachtagung in NRW entlang. Dort bin ich der behinderte Ost-Student, der über seine Integrationserfahrungen berichtet. Dabei denke ich an das in der Wendezeit geschriebene Lied „Farben“ der Band „Keimzeit“, in dem Norbert Leisegang den Zuhörer auffordert: „Zeig mir deine Farben und nimm mir mein Schwarz-Weiß“. Was der Sänger am Ende bekommt, ist ein Blick auf ein anderes Schwarz-Weiß, für die Farben bleiben ihm die Träume.

Im Sommer fährt der Bulli – sind alles 68er im Westen ;-) – von Karlsruhe nach Dresden. Jochen, einige andere Mitarbeiter des Karlsruher Modellversuches und ich sind eingeladen, erste Ideen eines Dresdner Studienzentrums für Blinde und Sehbehinderte mit den sächsischen Hochschulverantwortlichen zu diskutieren. Hier sind es die Wessis, die über das Dresdner Schwarz-Weiß und die Lust zur Improvisation, um etwas Farbe in den Alltag zu bekommen, staunen.

Gern kehre ich nach 7 Monaten aus dem Südwesten Deutschlands in den bald dazugehörigen Osten zurück. In Dresden wartet mein erster richtiger Job auf mich. Die Kollegen aus Karlsruhe sind zu lieben Freunden geworden, mit denen wir uns eifrig austauschen. Jochen treffe ich immer wieder auf Fachtagungen und Seminaren im In- und Ausland. Er erlebt und erträgt meine ersten Vorträge in englischer Sprache und ist ansprechbar, wenn ich Redebedarf habe. Seine Aktivitäten sind längst über den bundesrepublikanischen Blick hinaus auf europäische Dimensionen gerichtet und so gelingt es dank seiner Unterstützung, die Konzepte eines selbstbestimmten Lernens und Arbeitens weit über unsere Grenzen hinaus, z. B. nach Osteuropa, zu transportieren.

Getragen werden diese Ideen immer von Leuten vor Ort, die ihre Erfahrungen und Sichtweisen auf die Dinge einbringen und ihnen Farbe und Gestalt geben. Wenn dies gelingt, so ist das keine Besserwisserei, sondern der größte Erfolg für den engagierten Pädagogen Jochen Klaus und die schönste Anerkennung für seine Arbeit.

Im Sommer 2009 geht Jochen in den Ruhestand, ich vermute, es wird ein Unruhestand, für den ich ihm viel Gesundheit und Freude wünsche.

Von Dr. Thomas Kahlisch
Direktor DZB Leipzig