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Antrittsrede des Direktors der
Deutschen Zentralbücherei für Blinde
zu Leipzig

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,
mit innerer Bewegung lassen sich die Gefühle beschreiben, die mir an einem Tag wie diesem durch den Kopf gehen. Bewegung, dass heisst für mich, gespannt zu sein, auf die neuen Aufgaben, die auf mich zukommen. Diese Bewegung ist aber auch Ausdruck von Dankbarkeit denen gegenüber, die mir Vertrauen entgegen bringen und mir diese Aufgaben übertragen haben.

Gestatten Sie mir bitte, dass ich mich Ihnen kurz vorstelle:
Ich wurde 1963 in Altdöbern im Land Brandenburg geboren. Als Sehbehinderter besuchte ich bis zum Abschluss der achten Klasse die Regelschule in meiner Heimatstadt Lübbenau im Spreewald.

Als ich etwa 10 Jahre alt war, meldeten meine Eltern mich in der Hörbücherei der DZB an. Mein erstes Hörbuch war "Wicki und die Starken Männer". Gelesen hat Käte Koch. Ich habe die Bänder auf einem alten Jupiter Spulentonbandgerät gehört. Das Gerät machte gleich aus der zweiten Spule Bandsalat. Mein Vater schrieb eine Entschuldigung an die DZB. Noch Heute habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich Bücher zurückgebe: "Hoffentlich sind die Bänder auch in Ordnung?" frage ich mich dann. Aber seit dem es Kassettenrecorder mit Bandendabschaltung gibt, kommen solche Defekte kaum vor.

Mit 14 Jahren erblindete ich durch eine Netzhautablösung auf beiden Augen. Die Blindenschrift lernte ich von meinen Mitschülern in der Blindenschule Königs-Wusterhausen und vorallem durch die Unterstützung meiner Mutter, die am Abend selbst die Kürzungen erlernte, die sie mir am nächsten Tag beibrachte.

Nach Abschluss der zehnten Klasse wechselte ich in das Rehabilitationszentrum Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Ich erlernte dort den Beruf eines Facharbeiters für Elektronische Daten-Verarbeitung und begann 1983 meine - wenn auch kurze - Tätigkeit als Programmierer im Kraftwerk Lübbenau.

Selbständiges Arbeiten am Computer ohne technische Unterstützung (wie Sprachausgabe oder Braillezeile) fällt einem blinden Programmierer schwer. In einem großen Maße ist man dabei auf die Unterstützung Sehender angewiesen. Dies hat durchaus gute aber auch schlechte Seiten. Während meines Studiums der Informatik in Görlitz, Dresden und Karlsruhe habe ich, was Arbeit im Team angeht, viele unterschiedliche in der Regel aber positive Erfahrungen sammeln können. Nach Abschluss des Universitätsstudiums begann ich 1990 meine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden. Nach Einreichung meiner Dissertationsschrift zog ich 1998 nach Leipzig und arbeite seit Januar des vergangenen Jahres an der DZB. Die Dissertation "Software-Ergonomische Aspekte der Studierumgebung blinder Menschen" habe ich zwischenzeitlich verteidigt und als Buch veröffentlicht.

In meinem "zweiten Leben" arbeite ich in der Blindenselbsthilfe als gewähltes Mitglied des Landesvorstandes des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes Sachsen e.V.und in unterschiedlichen, auch internationalen Gremien für den Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verband e.V.

Ich lebe mit meiner Frau Heike und ihrer Tochter Sarah in Leipzig Möckern. Und ich muss Ihnen sagen: Wir fühlen uns wohl in dieser Stadt.

Die DZB gründet sich auf wertvollen Traditionen, die in erster Linie getragen werden durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Engagement im Sinne einer guten Sache bzw. eines klar zu formulierenden Zieles: blinden und sehbehinderten Menschen Bildungs-, Informations- und Unterhaltungsangebote zu unterbreiten, die eine hohe Qualität besitzen.

Dabei handelt es sich um Angebote, die für diesen Personenkreis unverzichtbare Hilfe und Unterstützung im privaten und beruflichen Alltag darstellen. Die hohe Wertschätzung, welche die Nutzer unseres Hauses der hier geleisteten Arbeit entgegen bringen, wird in zahlreichen Leserbriefen und vielen anderen Meinungsäußerungen deutlich.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen sagen, dass ich mich freue, der Nachfolger von Herrn Prof. Dr. Siegfried Tschirner zu werden. Ich glaube, dass viele Qualitäten zusammenkommen müssen, um 22 Jahre Direktor einer solchen Einrichtung zu sein und es in schwierigen Zeiten auch zu bleiben. Dazu zähle ich: In vielen Situationen den Mitarbeitern Mut zu machen. Sich, wenn es darauf ankommt, durchzusetzen und dabei das oben formulierte hohe Ziel, wenn schon nicht im Auge, dann unterm Finger zu haben. Vielen Dank dafür lieber Siegfried, und bleib uns bitte treu.

Als neuer Direktor sehe ich es als Vorteil an, im folgenden Punkt Sicherheit zu haben: Ich kann mich auf die Erfahrungen kompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stützen.

  • Die wissen wie anspruchsvolle aber auch ansprechende Punktschriftdrucke und Hörbücher zu fertigen sind.

  • Die einschätzen können, welchen Stellenwert sehgeschädigte Menschen tastbaren Reliefs oder Großdrucken beimessen.

  • Die bei der Auswahl von Literatur differenziert beraten und manche Unterstützung geben.

  • Und die bei alledem bereit sind, sich in ihren Aufgabenfeldern neuen Anforderungen zu stellen.

Mit Abschluss der Rekonstruktionsmaßnahmen und mit Klärung des endgültigen Status unserer Einrichtung bringt das Jahr 1999 Arbeitsbedingungen, die sicherstellen, dass wir uns verstärkt den konkreten Sachaufgaben zuwenden können. Selbstverständlich sind baubedingte Schwierigkeiten, Haushaltssperren und noch manche unverhoffte Widrigkeit zu erwarten und nur mit persönlichem Einsatz zu bewältigen. Jedoch sind, verallgemeinert betrachtet, unsere Voraussetzungen als überaus günstig zu bezeichnen.

Werde ich gefragt: Was ist in den nächsten Jahren wichtig? So antworte ich Ihnen als Informatiker:
Der verstärkte Einsatz von Informationstechnologie in nahezu allen Bereichen unseres Hauses bildet zweifellos eine wesentliche Grundlage zukünftiger Entwicklungen. Wichtig erscheint es mir dabei, dass zukünftige Lösungen nicht fernab aller Traditionen zu schaffen sind. Sondern, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen sollten, die auf den vorhandenen Erfahrungen aufbauen. Zweifellos hat auch im Computerzeitalter die Punktschrift für blinde Menschen eine große Bedeutung. Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, Werkzeuge zu schaffen, mit denen Punktschrift in hoher Qualität und Effektivität in unterschiedlichen Formaten erzeugt werden kann.

Dass das Hörbuch durch die Digitalisierung zu einer neuen Qualität erhoben werden kann, ist bereits an anderer Stelle dargestellt worden.

Als blinder Mensch antworte ich Ihnen auf die gleiche Frage:
Ich sehe die Chancen, die der Einsatz moderner Technologien hat, aber auch viele Probleme bei ihrer Umsetzung.

Ein Beispiel hierfür sind aufwendig gestaltete elektronisch verfügbare Dokumente, die zwar im Internet für jedermann angeboten werden, aber für Nutzer von Braillezeilen und Sprachausgaben nicht lesbar sind.

Die Antwort des neuen DZB-Direktors auf die oben rhetorisch gestellte Frage lautet:
Um moderne Informationsangebote für blinde und sehbehinderte Menschen zu gestalten, müssen wir verstehen, was die so oft zitierte Informationsgesellschaft ausmacht. Eine Besonderheit stellt hierbei die Dynamik dar, mit der sich die ablaufenden Prozesse vollziehen. Dies stellt neue Anforderungen an uns. Ich rufe Sie auf, zusammen zu lernen und zu arbeiten. Sich der Chancen und Probleme anzunehmen. Und sich aktiv in eine interessante und herausfordernde Aufgabe einzubringen.

Dr.-Ing. Thomas Kahlisch

Leipzig, 1999-01-29