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Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte des Hauses

Vortrag des Direktors der DZB anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte des Hauses Gustav-Adolf-Straße 7 am 10. Juli 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind!
Besonders begrüßen möchte ich zu Beginn unserer kleinen Feierstunde:

  • den Leiter der Abteilung „Forschung, Informations- und Kommunikationstechnik“ im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) und zugleich Vorsitzenden des Verwaltungsrates der DZB, Herrn Ministerialdirigent Jörg Geiger,

  • den Vertreter der Stadt Leipzig, Herrn Krakow,

  • die Vorsitzende der Gemeinschaft ehemaliger jüdischer Bewohner der Stadt Leipzig, Frau Channa Gildoni und weitere Besucher, die anlässlich der jüdischen Woche hier in Leipzig weilen,

  • die Schöpferin der heute zu eröffnenden Ausstellung, Frau Simone Berger-Lober und

  • die Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der DZB“, der diese Ausstellung finanziert, Frau Dr. Sylke-Kristin Deimig

Das Haus in der Gustav-Adolf-Straße 7 hat sehr schöne und unbeschreiblich grausame Formen des nachbarschaftlichen Umgangs der Menschen miteinander erlebt.

Wie in der heutigen LVZ nachzulesen ist, wurde der Grundstein des Gebäudes im Juni 1913 gelegt. Initiator dieser hier gegründeten höheren israelitischen Schule war der in Leipzig bekannte Rabbi Ephraim Carlebach, der das Gesicht dieses Hauses bis 1936 als engagierter Direktor prägte. Er wetzte sich für Toleranz und Fairnis im Umgang der Menschen untereinander ein.

In der schwärzesten Zeit Deutscher Geschichte, wurde dieses Haus als Schule geschlossen und in der Zeit vom 1939 bis 1942 als sog. „Judenhaus“ von den Nationalsozialisten missbraucht.

Seit 1954 wurde das Gebäude zum Domizil und zu einem Neuanfang der DZB, deren Literaturbestand in einem Bombenangriff im Dezember 1943 fast völlig vernichtet worden war. Es folgte in den 60er Jahren die Errichtung der beiden Nebenhäuser. So bietet das Haus heute genügend Platz für über 50.000 bände Blindenschrift, weit mehr als 8.000 Hörbücher und eine moderne technische Ausrüstung, mit deren Hilfe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute Bücher und Zeitschriften in den verschiedenen Medienformen für blinde und sehbehinderte Menschen (Brailleschrift, tastbare Reliefs, Hörbücher und elektronische Texte)aufbereiten.

Im Jahr 1988 stellten sich die Mitarbeiter des Hauses seiner Geschichte. Die rechts neben dem Eingang angebrachte Schautafel gibt Auskunft darüber. Zur Einweihung dieser Gedenktafel kamen damals viele Gäste u. a. aus Israel und wir können ihnen heute – Dank unseres Masterbandarchives - einen Originalton von dieser Veranstaltung vorspielen, wie ein ehemaliger jüdischer Bewohner Leipzigs seine Schul- und Vertreibungszeit schilderte.

Vor dem Abspiel dieses eindrucksvollen Tondokumentes lassen Sie mich bitte berichten, dass die DZB seit 1990 eine Einrichtung des Freistaates Sachsen ist und wir unsere Dienstleistungen deutschlandweit anbieten. In Zeiten des demografischen Wandels und der immer kleiner werden Displays ist es wichtig, wenn sich der Staat denen zuwendet, die spezielle Bedürfnisse haben. Es ist durchaus auch weise zu nennen, denn schließlich werden wir alle älter und jedem, der heute seine Augen nutz, um sich zu bilden oder einfach nur zu unterhalten, der kann schnell im höheren Alter auf Hörbücher und andere Informationsangebote aus der Gustav-Adolf-Straße 7 angewiesen sein.

Der Freistaat Sachsen steckte 1997 bis 1999 über 6 Millionen Euro in die Sanierung des gesamten Gebäudekomplexes.

In seinem Buch: „Hundert Jahre DZB“ schildert Helmut Schiller 1994 nicht nur die Geschichte und Entstehung der ältesten öffentlichen Leihbücherei für Blinde in Leipzig. Er befasste sich auch mit den jüdischen Traditionen dieses Hauses. Dank des vorsitzenden der Ephraim Carlebach Stiftung, des selbst blinden ehemaligen jüdischen Leipzigers Herr Kralowitz, wissen wir heute, dass sich auf der Schautafel Fehler in die Darstellung der Ereignisse um 1940 eingeschlichen haben. Wir werden uns um eine Korrektur der Schautafel kümmern. Gleichzeitig kann ich Sie darüber informieren, dass unser Ministerium zugestimmt hat, dieses Haus den Namen seines Schöpfer Ephraim Carlebach zu verleihen und damit einem lang gehegten Wunsch von Frau Gildoni zu entsprechen. Ich schlage vor, die Erneuerung der Schautafel und die Namensgebung gemeinsam im kommenden Jahr zu realisieren.

Im Jahr 2009 kann dann auch dem Wunsch der Blinden- und Sehbehinderten Menschen entsprochen werden und dem gesamten Gebäudekomplex der Name „Louis-Braille-Zentrum“ verliehen werden.

Doch zurück zur Geschichte des Hauses. Sie hören jetzt den Originalton des Interviews, das Herr Wolfgang Burghardt – Hörzeitschriftenredakteur in der DZB - 1988 mit Herrn Glaser führte.

Originalton: „Herr Glaser, ehemaliger jüdischer Bewohner der Stadt Leipzig“

Zu Beginn meines Vortrages sprach ich von Nachbarschaft und dies dient mir als rhetorische Brücke, um zum ende meiner Ausführungen zu gelangen. 2003 lebten wir Tür an Tür, Simone Berger-Lober ihr Gatte und ich. Frau Berger-Lober berichtete mir von ihrem Studium der Theologie und Jüdewistik. Ich wurde neugierig und so kamen wir ins Gespräch und gemeinsam mit dem Mitgliedern des Vorstandes des Fördervereins der DZB wuchs die Idee, diese Ausstellung zu gestalten. Nach ca. 12 Monaten Arbeit, können wir ihnen heute das Ergebnis präsentieren. Vorher wird uns Frau Berger-Lober ihre Eindrücke schildern, die sie bewegt haben, sich für dieses Projekt zu engagieren. Danach wird Frau Dr. Deimig die Ausstellung offiziell eröffnen. Dazu wünsche ich Ihnen viel Spaß.