Auf dem Weg zu digitalen Hörbüchern

Von Dr. Thomas Kahlisch

Auf Einladung der Royal Blind Society - Australiens größter Serviceeinrichtung für Blinde und Sehbehinderte - fand am 8. und 9. April 1999 die Jahresversammlung des DAISY Consortiums in Sydney statt. An der Tagung nahmen Mitarbeiter von Organisationen aus zehn Ländern u. a. Australien, Neuseeland, Japan, Großbritannien, Schweden, Dänemark und den USA teil.

Als deutsche Teilnehmer besuchten Frau Elke Dittmer - die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Hörbüchereien und Geschäftsführerin der Norddeutschen Blindenhörbücherei -, Dr. Thomas Kahlisch - DAISY Beauftragter des DBSV und Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig sowie Roland Müller - Studiotechniker in der DZB - die Veranstaltung, über die nachfolgend berichtet wird:

Die umfangreiche Tagesordnung beinhaltete u. a. Punkte wie: die Aufnahme neuer Mitgliedsorganisationen, die Rechenschaftslegung und Planung der finanziellen Rahmenbedingungen des Consortiums, eine umfangreiche Diskussion technischer Details der neuen digitalen Hörbuchgeneration sowie interessante Präsentationen von in Entwicklung befindlicher Hard- und Software.

Alle großen Hörbüchereien der Welt müssen derzeit feststellen, daß professionelle analoge Aufzeichnungs- und Kopiertechnik von der Industrie nicht mehr weiterentwickelt, ja teilweise schon überhaupt nicht mehr angeboten wird. Eine Tatsache, die zu intensiven Bemühungen der Studios führt, digitale Produktions- und Archivierungstechniken einzusetzen. Wie der Erfahrungsaustausch in Sydney zeigte, ist dabei der Stein des Weisen bislang nicht gefunden. Die zu lösenden Aufgaben sind vielschichtig und umfassen die folgenden Bereiche:

1) Digitale Produktion und Archivierung von Hörbüchern und Hörzeitschriften,
2) Digitalisierung wertvoller analog aufgenommener Hörbuchbestände,
3) Weiterentwicklung traditioneller und neuer Formen der Hörbuchausleihe und des Kundenservices.

Produktion digitaler Hörbücher

Wie bereits in der Juni-Ausgabe der Gegenwart 1998 berichtet wurde, hat das DAISY Consortium eine internationale Firmengruppe ISAT mit der Entwicklung einer professionellen Aufnahmesoftware beauftragt. Das leistungsfähige Programmpaket wird im Herbst diesen Jahres fertiggestellt und steht dann allen Mitgliedsorganisationen kostenfrei zur Verfügung.

Als Grundlage der Entwicklungsarbeiten dienen moderne Konzepte multimedialer Informationstechnologien, wie XML und SMIL, die nicht nur für die Anwendung im Internet geeignet sind. Diese modernen Verfahren stellen sicher, dass der hohe Aufwand, der in die Entwicklungsarbeiten gesteckt wurde, nicht zu einer Insellösung führt, die nur im Bereich der sprechenden Bücher für Blinde und Sehbehinderte anwendbar ist.

Mehrere Arbeitsgruppen des Consortiums sind parallel zu den Entwicklungsarbeiten damit befasst, notwendige Standards, erforderliche Schnittstellen, umfassende Dokumentationen und geeignete Schulungsunterlagen für den Einsatz der neuen Software zu erarbeiten.

Die erste Version der neuen Aufnahmesoftware wird derzeit von einigen Hörbüchereien getestet. Die DZB Leipzig, die an diesem sogenannten Beta-Test teilnimmt, kann an dieser Stelle vermelden, dass es den Mitarbeitern des Studios im März diesen Jahres gelungen ist, das erste deutschsprachige digitale Hörbuch im Format DAISY 2.0 fertigzustellen. Es handelt sich dabei um eine Informationsbroschüre der DZB, die als CD-ROM mit einem DAISY-tauglichen Abspielgerät gelesen werden kann.

Mit der im Test befindlichen Aufnahmesoftware lassen sich Hörbücher produzieren, die neben dem gesprochenen Wort auch den dazugehörigen Text enthalten. Die Produktion solcher multimedialer Bücher ist aufwändig und stellt neue Anforderungen an die Mitarbeiter von Studio und Bibliothek.

Werden zukünftig in großem Umfang Hörbücher in digitaler Form produziert, so müssen die enormen Datenmengen - ein Buch kann hier schnell eine heute übliche Festplatte von 4 GB füllen - sicher aufbewahrt und archiviert werden. Welche Speichermedien (CD-ROM, DVD, Speicherkarten usw.) sind sicher? Und wie können die Bücher komfortabel aufbewahrt und abgerufen werden? Das sind Fragen, zu denen die Antworten noch gefunden werden müssen.

Digitalisierung umfangreicher Hörbuchbestände

Um unsere wertvollen Hörbuchbestände für die Zukunft zu bewahren, ist es notwendig, die analog aufgezeichneten Bänder oder Kassetten zu digitalisieren. So manche Hörbücherei hat gerade die Umstellung der Bestände von Offenspule auf Kassette abgeschlossen und steht nun vor der Aufgabe, wertvolles Kulturgut für die digitale Welt umzuarbeiten. Eine Arbeit die nicht mal so nebenher zu erledigen ist, sondern detaillierte Kenntnisse auf dem Gebiet der Informationstechnologien voraussetzt. Ein Bereich, der bislang nicht zu den Qualifikationsanforderungen von Studiomitarbeitern gehörte.

Wie eine Fachtagung im Januar diesen Jahres beim Royal National Institute for the Blind in Großbritannien zeigte, sind für die analog zu digital Wandlung von Hörbücher unterschiedliche technische Lösungen in der Diskussion, die alle bislang nicht den Anspruch erheben können, verallgemeinerbar, kosteneffektiv und in der Zukunft erweiterbar genannt zu werden. Trotz enger internationaler Kooperation der Hörbüchereien muss jede Einrichtung selbst unter Berücksichtigung der eigenen Resourcen und Pläne diesen Umstieg auf neue Technologien bewerkstelligen. Ein kosten- und arbeitsintensiver Prozess, der deutlich macht, dass, entgegen den Versprechungen der Industrie, der Einzug digitaler Medien auch manche Probleme schafft.

Abspielen digitaler Hörbücher

Für die Nutzer der neuen Hörbuchgeneration kann vermeldet werden, dass derzeit zwei DAISY-taugliche Abspielgeräte angeboten werden. Das japanische Modell PLEXTALK soll in der Zukunft auch in Walkman-größe verfügbar sein.

Das kanadische Gerät VICTOR fällt durch seine einfachen und übersichtlichen Bedienelemente sowie eine attraktive Gestaltung in Größe und Design auf. VICTOR wird übrigens durch das in der Computerwelt sehr geschätzte Betriebssystem LINUX gesteuert. Eine Entscheidung, mit der die Firma VISUAID ein recht leistungsfähiges Ass im Ärmel hat, welches sie in zukünftigen Versionen noch ausreizen kann. Mit beiden Geräten können neben CD-ROM, die im neuen DAISY 2.0 Standard produziert wurden auch Audio-CD abgespielt werden. In Sydney berichteten die japanischen Mitglieder des Consortiums, dass geplant ist, mit Herstellern von Videospielkonsolen zu kooperieren um DAISY-Bücher auch auf diesen Geräten abspielen zu können. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen, wird dadurch auch deutlich, dass die aktuellen Entwicklungen nicht zu Insellösungen führen, die lediglich auf die Interessen einer kleinen Nutzergruppe zugeschnitten sind.

Neben transportablen Wiedergabegeräten wird es auch unterschiedliche Programme zum Abspielen von DAISY-Büchern auf dem Computer geben. Die Chancen stehen nicht schlecht dafür, dass diese Hörbücher auch mit zukünftigen Versionen von Standard Web-Browsers wie Internet Explorer von MICROSOFT abgespielt werden können.

Wie zu erfahren war, werden die transportablen Geräte in der nächsten Zeit auch auf dem Deutschen Markt angeboten. Jedoch ein bischen wird es schon noch dauern, bis Hörbücher der neuen Generation zum Alltag blinder Menschen gehören.

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