Ausgeschlafen in Seattle - das DAISY Konsortium zu Gast bei Microsoft

Von Dr. Thomas Kahlisch

Eine Bibliothekarin erzählte mir einmal, dass für sie ein Besuch der Kongressbibliothek in Washington der größte berufliche Traum sei. Die Library of Congress, www.loc.gov, beherbergt die umfangreichste Literatursammlung der Welt.
Was wünscht sich ein Informatiker? Vielleicht einen Besuch in der Zentrale des Softwaregiganten Microsoft? Wohlmöglich gar ein Fachgespräch mit dem Gründer?

Soweit die Träume, nun zu den Fakten: das DAISY Konsortium sowie die "Bill und Melinda Gates Stiftung" luden Anfang November 2004 75 Experten von Blindenbüchereien der Welt zu einer Fachtagung "Globale Bibliothek für blinde und andere lesebehinderte Menschen " nach Redmond auf den Firmencampus von Microsoft ein. In Vertretung der MEDIBUS-Vorsitzenden Elke Dittmer, flogen Frank Richter, Abteilungsleiter Informatik der DZB und ich nach Seattle zu dieser nicht alltäglichen Veranstaltung im Nordwesten der USA.

Professor Dominique Burger ist Wissenschaftler an der Pariser Universität. Er zeichnet verantwortlich für www.braillenet.fr . Eine derzeit in französisch verfügbare Internetseite, auf der blinde Anwender recherchieren können und sich je nach Geschmack in Blindenschrift (Kurz- oder Vollschrift) oder als HTML-Datei Bücher herunterladen können, die dort als DAISY3-Bücher verfügbar sind. Wir treffen ihn im Flugzeug. "Scheint, wir haben den gleichen Weg" scherzt er. Wir freuen uns über das Wiedersehen. Er erzählt, dass die Weiterentwicklung seiner Internetangebote ins stocken geraten ist, ein wichtiger Mitarbeiter hat das Projekt verlassen. Er ging in die Industrie, die zahlen leider mehr als man in einem kleinen Hochschulprojekt für spezielle Benutzergruppen verdienen kann. Prof. Burger sucht also wieder neue engagierte Leute, um seinen Service weiter zu entwickeln.

Am Flughafen in Seattle stoßen wir auf holländische Kollegen mit weißem Stock. Eine nette Dame wartet nach der Pass- und Zollkontrolle. Sie bringt uns ins Hotel und erklärt, wo wir uns alle zu einem Begrüßungsempfang treffen werden. Es ist Sonntagabend gegen 18 Uhr und ich fühle mich nach dem Flug wie Montagfrüh um 3 Uhr, nur müder. Auf dem Empfang treffen wir viele gute alte bekannte DAISY-Kollegen aus der ganzen Welt und lernen nette neue Leute aus Südafrika kennen. Wir reden über DAISY und die technischen Möglichkeiten, die Bücher vor unbefugtem Zugriff zu schützen.

Richtig los geht es ausgeschlafen am Montag den 8. November im Konferenzzentrum der Firma Microsoft. Busse bringen uns hin und wir sind sehr neugierig, wie es nun weiter geht. Punkt 9 Uhr sitzen alle gespannt im Konferenzraum. 75 Experten aus 22 Ländern der Welt. Kommt er oder kommt er nicht?

Ankunft - Kollegen mit weißem Stock Warten im Konferenzraum

Begrüßt werden wir von der Leiterin der Accessibility Group von Microsoft. Sie freut sich, uns alle so munter nach der langen Anreise zu sehen, möchte keine lange Einführung geben, sondern den ersten Redner des Tages begrüßen: Mr. Bill Gates. Und dann ist er da, spricht zu uns ca. 20 Minuten. Sein Vortrag ist sehr gut verständlich. Danach, die Amis nennen so etwas in der Konferenzsprache kurz die Q-A-Section, können wir Fragen stellen.
Mr. Gates, denken Sie, dass unser auf XML basierendes DAISY-Konzept, Bücher als Hörbuch, in Blindenschrift, in Großdruck und in elektronischer Form zugänglich zu machen, nicht auch interessant für andere als blinde und sehbehinderte Benutzergruppen sein könnte? Seine Antwort ist abwägend. Er sagt, dass die Firma Microsoft Produkte für den Massenmarkt entwickelt und dass die Arbeit im Bereich Zugänglichkeit darauf ausgerichtet ist, diese Massenprodukte immer besser benutzbar zu gestalten. Er meint, dass es wenig sinnvoll ist, wenn DAISY neben den Massenprodukten existiert. Die Entwicklungen sollten eher zusammenwachsen.

Zuhörer während der Vorträge Mr. Bill Gates bei seinem Vortrag

Wir bekommen an diesem Montag vormittag durch verschiedene Präsentationen einen Eindruck davon, was das neue Betriebssystem Long Horn leisten soll. Bis zum Herbst 2006 arbeiten etwa 7000 Mitarbeiter von Microsoft an diesem neuen Windows.
Vorgestellt wird eine sogenannte personalisierte Suche. Dies bedeutet, dass der PC-Anwender in der Lage ist, Informationen für bestimmte Themen und Zusammenhänge zu suchen und schnell aufzufinden. Jeder Nutzer, der schon einmal auf seiner Festplatte ein Dokument gesucht hat, bei dem er sich nur noch daran erinnert, dass es ihm irgendwann letztes Frühjahr von einer bestimmten Person geschickt wurde, ihm aber einfach nicht mehr einfällt, wann das war und wo er es damals abgelegt hat, weiß, wie nützlich eine solche Suchmöglichkeit ist.

Interessant auch die Präsentation von neuer Erkennungssoftware, mit der Bilddaten verarbeitet werden können, in denen Text enthalten ist. Zum Beispiel aus der Fotografie eines Preis- oder Warenschildes den Inhalt des Schildes ermitteln zu können oder aus Grafiken eines PDF-Dokumentes Text und Struktur der enthaltenen Information auszulesen. Gerade diese Entwicklung wird von den anwesenden Blindenschrift- und DAISY-Experten als großer technologischer Durchbruch für ihre Arbeit angesehen und sehnsüchtig herbeigewünscht.
Es wird sich zeigen, was von den vorgestellten Lösungen wirklich Produktreife erlangt und 2006 Eingang in das neue Betriebssystem findet.

Am Nachmittag präsentieren uns Microsoft-Mitarbeiter und Kollegen der Kanadischen Blindenbücherei CNIB, www.cnib.ca, die Resultate eines gemeinsamen Projektes. Ergebnis ist eine komfortabel zu bedienende Internetplattform, auf der die Nutzer der Blindenbücherei Bücher recherchieren und bestellen können. Der Versand erfolgt dann in der gewohnten Weise als DAISY-Buch per CD-ROM.

Am Dienstag arbeiten wir in verschiedenen Arbeitsgruppen. Es geht um die Themenfelder: Kooperation mit Verlagen, internationales Lizenz- und Urheberrecht, Schutz digitaler Bücher und Ausweitung des Angebotes der Blindenbüchereien auf die öffentlichen Leihbüchereien weltweit. Die Diskussion wird nicht nur von Technikern und Softwareexperten bestimmt. Juristische Probleme und Fragen der internationalen Kooperation stehen ebenso im Vordergrund. Vertreter der IFLA, UNO, der WBU beziehen Stellung zur "Globalen Bibliothek für blinde und andere lesebehinderte Menschen". Und auch Anliegen der Dritte-Welt-Staaten werden aufgeworfen.

Am Mittwochvormittag fassen wir die Ergebnisse zusammen. Arbeitsgruppen sollen sichern, dass die Themen auch nach der Konferenz gemeinsam verfolgt werden. In einer abschließenden Zusammenkunft stellen wir der Firma Microsoft Themenfelder vor, die aus Sicht der Blindenbüchereien der Welt nützliche Entwicklungen darstellen, die in zukünftigen Produkten des Windows-Herstellers Eingang finden sollten. Da Microsoft ihr gesamtes Betriebssystem und die darauf laufenden Anwendungen zukünftig weiter auf XML-Unterstützung ausrichtet, dürften Wünsche wie, ein Office-Dokument einfach im DAISY-Format abzuspeichern oder alle Publikationen, die vom Microsoft Verlag herausgegeben werden, parallel zur gedruckten Fassung auch im DAISY-Format erscheinend, keine unrealistischen Träume darstellen.

Am Mittwochnachmittag gibt es für die Tagungsteilnehmer noch einen bibliothekarischen Leckerbissen. Wir besuchen die erst im Mai 2004 fertiggestellte neue öffentliche Bibliothek der Stadt Seattle. Ich spreche nach der ausführlichen Führung mit den Mitarbeitern dort und erzähle wehmütig, dass es in Deutschland eine Internetseite www.bibliothekssterben.de gibt, auf welcher der traurig zu nennende Niedergang unserer Bibliotheks-Kultur dokumentiert wird. In Deutschland haben Bibliotheken keine Lobby. Ich bestaune den wundervollen Bibliotheksneubau, die unterschiedlichsten Leseräume für Jung und Alt - in Amerika dürfen spielende Kleinkinder auch in dafür extra eingerichtete Räume der Bibliothek - und ich bin fasziniert von den vielen Besuchern, die sich am Nachmittag dort tummeln und offensichtlich Spaß an ihrer Bibliothek haben. Nun, sagt die Bibliotheksangestellte zu mir, da wissen Sie doch was Sie in Deutschland zu tun haben!?

Am Donnerstag geht der Flieger nach Amsterdam. Müde, voller neuer Eindrücke und bestärkt, dass wir auf dem richtigen DAISY-Weg sind, kommen wir am Freitag nachmittag in Berlin an. Es ist der 12. November 2004. Die DZB hat ihren 110. Geburtstag und der Chef war nicht dabei. Viele fleißige Hände in der DZB sorgten aber dafür, dass junge Menschen Spaß am Lesen hatten. Eine Schulklasse besuchte die Mitarbeiter bei der Arbeit. Blinde Kollegen aus der Abteilung Blindenschriftherstellung lasen aus Kinderbüchern vor und beantworteten viele Fragen der jungen Literaturfans. Wie man sieht, die Botschaft aus der Seattle public Library war längst angekommen in der Bücherstadt Leipzig.

Informationen über die Tagung in Seattle findet der englischsprachige Leser im Internet auf der DAISY-Homepage: www.daisy.org. Einen Mitschnitt der Veranstaltung können sich Hörer als DAISY-Buch in der DZB ausleihen.

Startseite