Blindzeln im Netz

- Mehrwert statt Substitution -
die Chancen neuer Angebote nutzen!

Von Dr. Th. Kahlisch

Die Zeitungskommentare am Anfang des letzten Jahrhunderts waren alarmierend: "Die Ausstrahlung gesprochener Information im neuen Medium Rundfunk führt zum Niedergang des gedruckten Wortes!" 30 Jahre später kritisierten einige Wächter kulturellen Erbes, dass der Tonfilm den Untergang des Hörfunks bedeute. Wer kennt nicht die Sprüche vom papierlosen Büro aus dem Ende des letzten Jahrhunderts? Sieht man sich heute in einer Buchhandlung um, so wird schnell klar, die digitale Verfügbarkeit von Informationen führt nicht zum Verschwinden des gedruckten Textes. Im Gegenteil, jeder Computeranwender kennt das, um sich intensiv mit einem Text auseinander zu setzen, druckt man sich das Dokument am liebsten aus. Getreu dem Grundsatz: "Was man in den Händen hält, kann man getrost nach Hause tragen". Zwar drucke ich mir nicht alle Texte, die ich intensiv studieren möchte aus Platzgründen in Brailleschrift aus, aber ich speichere mir diese sehr sorgfältig auf meinem PC bzw. übertrage sie auf ein kleines Gerät, das mit einer Braillezeile ausgerüstet ist. So kann ich umfangreiche Dokumente entspannt lesen und mir Randnotizen machen. Einem Ausdruck in Braille auf Papier ziehe ich immer vor, wenn ich mir eine chemische Formel, einen längeren mathematischen Ausdruck oder eine Tabelle zugänglich machen will.

Technikgläubige Finanzspekulanten trieben um die Jahrhundertwende die Börsenkurse von Internetfirmen, die nichts mehr als einen cleveren Suchalgorithmus oder eine auf bloße Euphorie basierende Geschäftsidee hatten, in Höhen, die traditionelle Großkonzerne erblassen ließen. Die Spekulationsblase platzte und der Vertrauensverlust für das neue Medium Internet war groß. Geblieben ist die Tatsache, dass fast jede noch so kleine "Würstchenbude" mit einem eigenem Internetauftritt sich ihren Platz an der Datenautobahn gesichert hat und diesen in verschiedenster Art und Weise nutzt. Allein als Werbe- und Serviceplattform bietet das Internet hervorragende und kostengünstige Möglichkeiten, das Unternehmen und seine Angebote vorzustellen und in unmittelbaren Kontakt mit seinen Kunden zu kommen. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen - auch die sind potenzielle Käufer - bieten solche neuen Angebote viele neue Chancen und Wege, sich eigenständig mit Informationen zu versorgen, wenn diese zugänglich gestaltet sind.

Auch die Verleger gedruckter Publikationen sehen es als ein Muss an, sich im Internet zu präsentieren. Das Reizwort der Verlagswelt ist dabei Substitution, - zu gut deutsch Ersetzung. In diesem Fachbegriff steckt die ängstliche Frage der Branche, werden elektronische Bücher gedruckte Publikationen ersetzen? Wie aus den historischen Bezügen dieses Artikels schnell klar wird, kann die Frage grundsätzlich verneint werden, bei gründlicher Analyse wird jedoch deutlich, sie muss durch eine andere Frage ersetzt werden: Welche neu zu schaffenden Mehrwerte lassen sich mittels des Internets erzeugen und vermarkten? Solche Mehrwerte können sein, das gedruckte Buch durch zusätzliche im Internet verfügbar gemachte Recherche-, Informations- und Kommunikationsangebote zu ergänzen. Gute Fachbücher bieten auf beigelegten CD-ROMs zusätzliche Informationen an, Schulbücher werden ergänzt durch Internet-Angebote zum Stöbern und Ausprobieren. Online-Angebote sind schnell zu aktualisieren und bieten Raum, die potenziellen Käufer auf weitere Angebote zu lenken.

Zeitschriftenverlage klagen über den Rückgang von Abonnentenzahlen und vor allem über den Einnahmeschwund bei der Werbung und Schaltung von Anzeigen, einem Geschäftsbereich, mit dem früher richtig viel Geld verdient wurde. Kontakt- und Tauschbörsen sind der Renner im Netz. Wer etwas sucht, fragt Google oder einen anderen der zahlreichen Suchmaschinenanbieter, die sich durch Werbung finanzieren.

Eine aktuelle Studie belegt, 50% der Jugendlichen unter 12 Jahren hören kein Radio. Musik kommt für die Jugend aus dem MP3-Spieler und der wird im Internet aufgeladen. Der Trend geht in die Individualität. Podcast - ein Wortspiel aus ipod, dem Namen des Flakschiffs der MP3-Spieler, und dem englischen Wort broadcast für senden - ist Ausdruck einer neuen Form des Anhörens von Informationen. Der Nutzer kann die Podcasts seiner Wahl wie eine Zeitschrift abonnieren. Die einzelnen Ausgaben - in der Regel aufgesprochene Artikel oder Interviews - werden automatisch aus dem Internet geladen und auf den angeschlossenen Spieler kopiert. Kostenfrei kann man z. B. die 20 Uhr Tagesschau oder die Tonspur zahlreicher anderer öffentlich-rechtlicher Fernsehsendungen als Podcast abonnieren und sie anhören, wenn man Lust und Zeit dazu hat. Mittels eines DVD-Harddisk-Recorders nimmt der Mensch der Zukunft das Fernsehprogramm auf, was ihn interessiert, und schaut es sich dann an, wenn er möchte und nicht zu der Zeit, die ihm vom Anbieter vorgegeben wurde. Dank cleverer Steuerung sind die Sendungen gleich befreit von lästigen Werbeeinlagen. Ein solches Gerät gibt es jetzt auch für blinde Anwender, der AMMEC der Firma Gaudibraille aus Marburg ist dank eingebauter Sprachausgabe auch ohne Sehrest bedienbar.

Der kommerzielle Hörbuchmarkt weist Wachstumsraten von 20% und mehr auf. Besonders trendy ist es, Hörinhalte zum Download anzubieten. Das spart dem Verlag vor allem Vertriebs- und Versandkosten. Ob die Träume von www.audible.de, www.claudio.de oder www.soforthoeren.de aufgehen, wird sich zeigen. Ein ansprechend verpacktes Geschenk aus dem Buchladen kommt sicher besser an als der Gutschein für eine MP3-Tankstelle, der unter Eingabe von Nutzerkennung und Passwort am Computer einzulösen ist. Welche Mehrwerte für blinde Nutzer im einfachen und schnellen Zugang von Hörinhalten stecken, liegt auf der Hand. Jedes Hörbuch jederzeit verfügbar, eine Vorstellung, die in naher Zukunft Realität für jeden Nutzer einer Blindenbücherei werden kann und auch geeignet ist, auf den Bereich der Blindenschriftverbreitung ausgedehnt zu werden. Das digital verfügbar nicht schlecht handhabbar für ältere Menschen bedeuten muss, zeigen DAISY-Spieler, deren einfache und komfortable Bedienbarkeit gerade von den Senioren unter den Hörbuchnutzern hervorgehoben wird.

Bei keinem der hier aufgeführten Beispiele ist die Schaffung neuer Angebote mit dem Totalverlust der alten Medien verbunden gewesen. Warum auch, schließlich hat jedes Medium seine Stärken und Schwächen. Diese herauszuarbeiten, für die jeweilige Anwendergruppe richtig und erfolgreich umzusetzen, das ist die Herausforderung, vor der wir stehen, wenn es um neue Medien geht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass der in der BLISTA Marburg aufgesprochene Spiegel via Internet abrufbar wird. Der ungeduldige Hörer braucht dann auf den neuen Titel nicht mehr drei Tage zu warten, sondern kann bereits am Abend des Erscheinungstages nachhören, was geschrieben steht. Engagierte Leute sammeln sich im Netz bei www.blindzeln.de und helfen einander, die neuen technischen Möglichkeiten auszuprobieren. www.milina-radio.de oder andere Internet-Radios schaffen eine völlig neue Form, Inhalte, gerade aus solchen Bereichen wie der Behindertenarbeit, die im Medieneinerlei von RTL und SAT1 untergehen, darzustellen. Die DZB plant mit Bookflash einen ersten Podcast zum Thema: "Literatur - vorgestellt von jungen Lesern für junge Leser". Die Liste neuer Ideen und Angebote ließe sich noch beliebig erweitern. Neue Möglichkeiten, die ohne Internet unvorstellbar sind und traditionelle Angebote sinnvoll ergänzen.

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