Bücher aus Stuttgart

Der Anruf erreichte mich unerwartet am 10. Mai 2004. "Wenn die DZB die Punktschriftbücher nicht übernimmt, dann landet alles auf dem Müll" sagte mir der damalige Vorsitzende der Süddeutschen Blindenhör- und Punktschriftbücherei in Stuttgart (SBH). Ich war zwar darüber informiert, dass die SBH Insolvenz anmelden muss. Dass das Ende so endgültig und absolut kam, das hatte ich jedoch nicht erwartet. War nicht immer von Konsolidierung und Neukonzipierung die Rede gewesen? Und was wird mit den Hörbüchern und vor allem der Neuproduktion aus Stuttgart, will man dafür eine andere Lösung finden?

Das Drängeln des Vorsitzenden und verschiedene berührende Anrufe der Belegschaft aus Stuttgart bestätigten meine Auffassung, wir müssen handeln. Am 12. Mai fuhren Lothar Weilandt, technischer Leiter der DZB, und Jörg Klemm, Abteilungsleiter Bibliothek, nach Stuttgart. Sie hatten die Aufgabe, abzustimmen, wie der in Deutschland bislang größte und schnellste Umzug einer Punktschriftbibliothek zu organisieren sei. In einem offiziellen Schriftstück beauftragte der Vorsitzende der SBH die DZB, die Punktschriftleser anzuschreiben und sie zu informieren, dass die Blindenschriftbestände nach Leipzig überführt und schrittweise in die Bibliothek der DZB integriert werden. Die DZB war damit offiziell beauftragt, die Stuttgarter Bücher zu retten und ihre Ausleihe zu übernehmen.

In der Woche vor Pfingsten 2004 verpackten - unter sichtlicher Anteilnahme der von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeiter der SBH - fünf Kollegen der DZB den gesamten Punktschriftbestand, 17.000 Bände, sowie den dazugehörigen Zettelkatalog in Umzugskisten und luden diese für den Abtransport auf 120 große Paletten. Eine schwäbische Speditionsfirma wurde beauftragt, die Bücher nach Leipzig zu transportieren. Am Sonnabend, den 7. Juni, kam die große Lieferung aus Stuttgart in Leipzig an. Es waren insgesamt 7 LKWs, die an diesem Tag von den Mitarbeitern der DZB zu entladen waren. Bei Regenwetter mussten die schweren Paletten schnell ins Haus und an geeigneter Stelle untergebracht werden.

Wohin nur mit den vielen Büchern? Die Mitarbeiter der Punktschriftbibliothek machten Überstunden und sich gründlich Gedanken darüber, wie die vielen Bände gesichtet, sortiert, katalogisiert und in den Bestand der DZB eingearbeitet werden. Unterstützung kam von Studierenden der HTWK Leipzig, die praktische Erfahrungen in der Bibliotheksarbeit sammelten. Der unvollständige Zettelkatalog musste elektronisch erfasst und mit dem umfangreichen Bücherbestand abgeglichen werden. Dies stellte eine schwierige Aufgabe dar, denn nicht alle Einträge auf den Karteikarten waren gut lesbar oder vollständig ausgeführt. Gut das es den Zentralkatalog Punktschrift in Marburg gibt. Was passiert mit Titeln, die sich gerade in der Ausleihe befunden hatten? Wie gelangen die in die DZB und wie werden sie eingeordnet?

Auf alle diese Fragen mussten Antworten gefunden werden, die letzten Endes in umfangreichen Mehrarbeiten münden. So ist es erklärlich, dass die Integration der Stuttgarter Punktschriftbücher heute im Mai 2005 noch längst nicht abgeschlossen ist. Bibliotheksleiter Klemm und seine Mitarbeiter/innen Angelika Müller, Heiko Kampa und Anatoli Krüger vermelden, dass die Erfassung und Prüfung des Kataloges im Sommer abgeschlossen sein wird und jetzt Schritt für Schritt mit den Integrationsarbeiten begonnen wird. Dies bedeutet, dass Paletten und Umzugskisten ausgepackt, Kisteninhalte mit Katalogdaten verglichen und Bände auf Unversehrtheit und Sauberkeit geprüft werden. Dabei ist abzugleichen, ob der Titel bereits in Leipzig vorhanden ist oder ob sich eventuell der Stuttgarter Titel in einem besseren Zustand als der alte DZB-Titel befindet. Nicht jedes Punktschriftbuch, dass in den Magazinen der Blindenbüchereien liegt, will der Nutzer gerne auf seine weiße Tischdecke im Wohnzimmer legen. Professionelle Unterstützung erhalten die Bibliothekare bei der Integration der Stuttgarter Bücher von den Kolleginnen aus der Buchbinderei, die mit Heftmaschine und neuen Buchdecken so manchen verschlissenen Wälzer zu attraktiverem Aussehen und verbesserten Gebrauchseigenschaften verhelfen. Dank finanzieller Unterstützung durch den DBSV können auch in diesem Jahr studentische Hilfskräfte eingesetzt werden, die Integration der Stuttgarter Bücher zu beschleunigen. Leider schlugen bislang Anfragen an die Baden-württembergischen Blinden- und Sehbehinderten-Verbände fehl, für das Projekt dringend benötigte Unterstützung zu erhalten.

Punktschriftbände sind Ausleihtitel, kein Nutzer hat Platz, sich eine große Bibliothek in das heimische Wohnzimmer zu stellen. Es ist die wirtschaftlichste Form des Angebotes gedruckter Brailleschrift, diese in hoher Qualität im Verleih Jedermann zugänglich zu machen. Leipziger Punktschriftbücher kommen in praktischen schwarzen Koffern kostenfrei zu jedem blinden Punktschriftleser nach Hause. Das ist in Hamburg, Hannover, Marburg und Paderborn nicht anders. Nur leider aus Baden-Württemberg kommt keine Punktschrift mehr. Besonders schlimm ist, dass nun nach dem Scheitern einer süd-west-deutschen Kooperationshörbücherei auch wirklich keine Neuproduktionen mehr aus dem Musterländle zu erwarten sind. Sowohl das Land Baden-Württemberg aber auch die Kommunen verweigerten im April ihre Zustimmung, zu den auf dem Tisch liegenden Konzepten. Bis 2004 gab es pro Jahr 300 neue Hörbücher aus Stuttgart. Wer wird diese Lücke schließen? Wer digitalisiert den Altbestand an Hörbüchern aus Stuttgart? Und welchen Beitrag leistet der Südwesten Deutschlands an der Versorgung zeitgemäßer Informationsmedien für blinde und sehbehinderte Menschen?

Dr. Thomas Kahlisch

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