DAISY2009. Eine globale Bibliothek.

 

DAISY ist mehr als eine neue Hörbuchgeneration: DAISY ist die Vision einer globalen Bibliothek für Menschen mit funktionalen Leseeinschränkungen. Teil 2 der „Gegenwart“‑Reihe anlässlich des internationalen Kongresses DAISY2009.

 

2001 zitiert George Kerscher, Geschäftsführer des DAISY Konsortiums, die berühmten Worte Martin Luther Kings: „I have a dream...“, um die Vision einer globalen Bibliothek für blinde, sehbehinderte, Legastheniker und andere Personen, die gedruckte Informationen nicht lesen können, zu verdeutlichen. Den Freiheitskampf der afroamerikanischen Bevölkerung der USA mit dem „Recht auf Zugang zu Informationen“ zu vergleichen, halten nicht wenige für eine typisch amerikanische Marketingaktion.

 

Es ist Microsoft-Gründer Bill Gates, der 2004 Experten aus der ganzen Welt zu einer Fachtagung einlädt, auf der verschiedene technische und urheberrechtliche Aspekte des globalen Zugangs zu Informationen für behinderte Menschen diskutiert werden. „Schlaflos in Seattle“ erhalte ich dadurch Gelegenheit, persönlich Gates nach seiner Einschätzung für die Chancen des DAISY-Standard zu befragen. Er empfiehlt, die Entwicklungen nicht losgelöst vom IT-Massenmarkt zu betreiben.

 

Mit dem Projekt „DAISY for All“ engagieren sich seit 2005 vor allem die japanischen Kollegen dafür, nicht nur blinden Menschen in der Dritten Welt einen verbesserten Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Hiroshi Kawamura, Gründer und heute Präsident des DAISY Konsortiums, organisiert die Entwicklung einer Abspielsoftware, deren Benutzungsoberfläche an Anforderungen von Anwendern mit unterschiedlichen Behinderungen und für verschiedene asiatische und afrikanische Sprachen angepasst werden kann. Das Projekt erhält nach dem verheerenden Tsunami 2005 hohe Brisanz, da an den Küsten Asiens ein Warnsystem zu realisieren ist, das auch Menschen mit Sinnesbehinderungen informiert, wenn sie auf dem schnellsten Wege die Küsten verlassen müssen.

 

Bente Dahl Rathje, Leiterin der Abteilung Bibliothek der dänischen Blindenbücherei, berichtet, dass 2008 mehr junge Leserinnen und Leser im Alter von 12 bis 19 Jahren die Bibliotheksangebote nutzen als ältere blinde und sehbehinderte Nutzer. Der Grund liegt in der Tatsache, dass Legastheniker in den skandinavischen Ländern das Recht haben, Literatur im DAISY-Format oder als e-Text auszuleihen. Nicht nur die Dänische Bibliothek denkt gerade aus diesem Grund über eine Namensänderung nach.

 

Die Fernleihe zwischen Blindenbibliotheken der ganzen Welt ermöglicht es, sich das eine oder andere Buch in Brailleschrift oder als Hörbuch – in aller Regel auf Spezialkassetten - zu entleihen. Vorausgesetzt, der gesuchte Titel ist überhaupt verfügbar und der Leser hat Zeit zu warten, bis das Werk auf dem Postweg zu ihm gelangt ist.

 

Weit weniger als fünf Prozent der am Markt verfügbaren Literatur ist blinden und sehbehinderten Menschen zugänglich,  erläutert Elke Dittmer, Vorsitzende der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V. (MEDIBUS), auf dem DAISY Day im Januar 2006 in Leipzig. Die MEDIBUS-Bibliotheken beschließen im Jahr 2007 eine Zielvereinbarung, die Hörbuchausleihe bis 2010 ganz auf DAISY umzustellen und sich massiv für den Ausbau des Literaturangebotes in Braille, e-Text und Audio einzusetzen. Die Selbsthilfeverbände unterstützen MEDIBUS bei der Umsetzung dieser ehrgeizigen Ziele, es wird seit 2008 verstärkt für das praktische und einfach zu handhabende neue Hörbuchformat geworben und mit DBSV-Inform die Informationsplattform „für die ganze Familie“ geschaffen.

 

Im Unterschied zu einem Braillebuch oder einer Tonkassette können digitale Inhalte in Sekundenschnelle dupliziert und verteilt werden. Wie sollen das Recht auf Schutz des geistigen Eigentums und das Recht auf Zugang zu Informationen in Einklang gebracht werden? Die Europäische Blinden Union hat 2008 im Rahmen der Grünbuchdiskussion „Urheberrechte in der wissensbestimmten Wirtschaft“ der Europäischen Gemeinschaft Forderungen an den Gesetzgeber formuliert, denen sich MEDIBUS und der DBSV angeschlossen haben. Urheberrecht ist Landesrecht. Ein in Deutschland verlegtes Werk unterliegt damit Deutschem Recht und kann ohne Zustimmung der Rechteinhaber nicht weltweit an blinde Menschen zur Ausleihe gebracht werden.

 

Um die Vision einer globalen Bibliothek für Menschen, die funktionale Leseeinschränkungen haben, umzusetzen, müssen Politik, Wirtschaft und Verbände gemeinsam nach Lösungen suchen, die Vertrauen schaffen, transparent sind und die Interessen aller Verhandlungspartner sicherstellen. Damit das Motto des DAISY Konsortiums „Das gleiche Buch, zur gleichen Zeit zum gleichen Preis, für jedermann verfügbar“ auch in Deutschland Fahrt aufnimmt, treffen sich Experten aus aller Welt im September zu DAISY2009 in Leipzig.