DAISY - SCHLÜSSEL FÜR DIE BRAILLESCHRIFT

Woher erfährt ein blinder Mensch ohne Punktschriftkenntnisse, wie die korrekte Schreibweise von Hartz-IV ist?
Das vor dem "z" ein "t" steht kann man nicht hören. Die Sprachausgabe am Computer sagt korrekt die Ziffer Vier an, über die römische Schreibweise gibt die Braillezeile Auskunft. Stellt sich dem Hörer von Hörbüchern die Frage: können die neuen DAISY-Bücher buchstabieren? Wie wir es ihnen beibringen werden, soll dieser Artikel zeigen.

DAISY (Digital Accessible Informationssystem) ist bei Hörbuchfans derzeit in aller Ohr. Die Blindenbüchereien leihen schon seit einigen Jahren Hörbücher- und Zeitschriften in dieser praktischen Form aus. DAISY bietet aber nicht nur die Möglichkeit akustische Inhalte zu strukturieren und wiederzugeben. Neben dem gesprochenen Wort passt auch der buchstaben-getreue Text des Werkes in das Angebot. Dieser Text kann

International findet DAISY deshalb längst nicht nur im Hörbuchbereich praktische Anwendung sondern auch in der professionellen Umsetzung von Publikationen in den verschiedenen blinden- und sehbehindertengerechten Formaten.
In Frankreich gibt es einen über das Internet nutzbaren Übersetzungsdienst, der ein Textbuch, das im DAISY-Format erstellt ist, in Braille- oder als HTML-Datei umsetzt.
In den USA überlässt man dank einer daraufhin entwickelten Gesetzgebung die erste Aufbereitung von Schulbuchliteratur denen, die das am besten können, den Schwarzschriftverlagen. "Nationales Gesetz zur Zugänglichmachung von Schulbuchliteratur" heißt das Bundesgesetz, dass im Oktober 2004 vom US-Präsidenten vorgestellt wurde. Grundlage ist die Vereinbarung zwischen dem amerikanischen Verlegerverband, Blindenbüchereien und Selbsthilfeorganisationen, Satzdaten in strukturierter Form für eine schnellere Medienaufbereitung einzusetzen. Das dabei zum Einsatz kommende Format ist nichts anderes als das Herzstück des bei uns als DAISY Version 3 bekannten XML-basierten Konzeptes

Die Bildungslandschaft in Deutschland ist wie in den USA föderal. Die integrierte Beschulung, der wachsende Anteil mehrfachbehinderter Schülerinnen und Schüler sowie der massive Kostendruck stellen hohe Anforderungen im Bereich der adäquaten Medienversorgung. Ein blindes oder sehbehindertes Kind, das in die Schule am Heimatort geht und Blindenschrift, tastbare Reliefs und elektronische Vorlagen benötigt, kann in traditioneller Form nicht ausreichend mit Materialien versorgt werden. Der Arbeitskreis der schulischen Medienzentren schätzte auf seiner letzten Fachtagung ein, dass der 2003 geschlossene Vertrag mit dem Verband der Schulbuchverlage zwar erstmalig in Deutschland eine wichtige Grundlage für die Bereitstellung von Satzdaten zur Übertragung leistet, jedoch PDF- oder QuarkXPress-Daten nur eingeschränkt geeignet sind, um aus ihnen zeitnah und in hoher Qualität Materialien umzusetzen.

Im September 2006 begehen wir das Jubiläum 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland. Ein guter Anlass, die Initiative zur verbesserten Lehr- und Lernmittelversorgung blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler zu starten. Das US-amerikanische Beispiel zeigt, moderne föderale Zugänglichmachung von Lernmitteln heißt, innerhalb von 14 Tagen Werke zu übertragen und in verschiedenen Formaten aufzubereiten. In der vom DBSV koordinierten Initiative lohnt sich die Ausarbeitung und Verhandlung einer Vereinbarung von MEDIBUS mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die den Verfahrensweg festlegt, um dieses ehrgeizige Ziel umzusetzen. Kommen Blindenbüchereien und Medienzentren schneller an die erforderlichen Daten, so ist es möglich, wesentlich flexiblere Verfahren der Herstellung und Verbreitung von Blindenschrift elektronischen Texten oder auch hörbaren Lernmaterialien zu entwickeln. Damit wird die DAISY-Technologie zu dem in der Überschrift beschriebenen modernen Türöffner für die Brailleschrift und zum multimedialen Medienangebot blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland.

Autor: Dr. Thomas Kahlisch
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