DAISY - Was bringen digitale Hörbücher?!

Von Elke Dittmer und Thomas Kahlisch

Auf Einladung der Norddeutschen Blindenhörbücherei e. V. fand vom 2. bis 5. April 1998 in Hamburg eine Fachtagung des DAISY Consortiums statt. Diese internationale Organisation hat sich die Aufgabe gestellt, weltweit einheitliche Standards für die Produktion, Archivierung und Ausleihe von digitalen Hörbüchern zu entwickeln. In Kooperation mit internationalen Unternehmen werden die notwendigen technischen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen, um eine neue Generation von "Talking Books" (sprechenden Büchern) anbieten zu können.

DAISY wird von vielen namhaften Hörbüchereien und den großen Blinden-Organisationen der Welt unterstützt. Derzeit sind Einrichtungen aus 10 Ländern - darunter Japan, Australien, Großbritannien und USA - als Vollmitglieder registriert. Organisationen aus weiteren 11 Ländern besitzen den Status eines assoziierten Mitglieds.

Für Deutschland ist, mit dankenswerter Unterstützung durch DBV und DVBS, die "Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Hörbüchereien" als Vollmitglied vertreten. Elke Dittmer, die Leiterin der Hörbücherei in Hamburg und zugleich die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, und Thomas Kahlisch, DAISY-Beauftragter des DBV, möchten in diesem Artikel die Ergebnisse der Hamburger Tagung kurz zusammenfassen und die Vorzüge digitaler Hörbücher erläutern.

Auf der Hamburger Tagung wurden die folgenden wichtigen Beschlüsse gefasst:

  1. Die Körperschaft des DAISY Consortiums wird in einen gemeinnützigen Verein nach schweizer Recht umgewandelt. Diese Maßnahme dient der Vereinfachung der Organisationsstruktur.
  2. George Kerscher aus den USA ist als Projekt-Manager eingestellt. Mr. Kerscher arbeitet für eine große amerikanische Hörbücherei und besitzt ausgewiesene Erfahrungen im Bereich der computergestützten Bereitstellung von Informationen für Sehgeschädigte.
  3. Das DAISY Consortium beauftragt die internationale Unternehmensgruppe ISAT mit der Entwicklung eines Programmsystems zur professionellen Produktion digitaler Hörbücher. Die ISAT-Gruppe wird sich dabei an die vom Consortium erarbeiteten Richtlinien halten, die sowohl die internationale Verwendbarkeit der Software als auch ihre Benutzbarkeit durch Blinde und Sehbehinderte sicherstellen. Die Software wird auf modernen standardisierten und im Internet weltweit angewandten Informationstechnologien basieren.

Mit diesen Beschlüssen schuf das Consortium die entscheidenden Grundlagen für eine neue Generation von Hörbüchern.

Warum eine neue Hörbuchgeneration?

Hörbücher stellen neben Punktschriftpublikationen für blinde Menschen die wichtigste Möglichkeit dar, selbständig Literatur lesen zu können. Hörbücher werden von speziellen Büchereien produziert, archiviert und zur Ausleihe angeboten. Im deutschsprachigen Raum sind Hörbuchkassetten in 2-Spurtechnik für handelsübliche Abspielgeräte verfügbar. In anderen Ländern kommen teilweise 4- oder 8-Spurverfahren zum Einsatz. Diese Bänder erfordern spezielle Wiedergabegeräte, die in der Regel durch die Bibliotheken zu akzeptablen Preisen angeboten werden.

Romane sowie Kinder- und Jugendbücher bilden den Hauptanteil der auf Kassetten aufgesprochenen Literatur. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Vielzahl von Hörzeitschriften.

Probleme bereitet die Hörbuchproduktion von Fach- und Sachliteratur und wissenschaftlich-technischen Publikationen. Inhaltsverzeichnisse, Tabellen, komplexe Abbildungen, Register und viele andere gedruckte Informationen können nur mit hohem Aufwand auf Kassetten hörbar gemacht werden.

Durch den ständig wachsenden Bestand an Hörliteratur gestaltet sich die Lagerung und Pflege von Mutterbändern sowie ausleihbaren Kopien immer mehr zu einem ernsten Problem der Hörbüchereien. Auch besteht berechtigte Sorge darin, dass die wertvollen Mutterbänder dem Zahn der Zeit anheimfallen könnten und somit historisch wertvolle Aufnahmen verloren gehen. Abhilfe kann hier ein digitales Produktions- und Archivierungssystem bringen, dass es ermöglicht, digitale Mutterbänder zu erzeugen und ausleihbare Kopien ohne Qualitätsverlust zu erstellen.

Für den Hörer herkömmlicher Hörbücher existiert das Problem, dass er im aufgesprochenen Text nicht gezielt nach Informationen suchen kann. Der Leser eines Kochbuches beispielsweise hat Interesse daran, schnell ein bestimmtes Rezept aufzufinden, ohne sich zuvor das gesamte Buch oder einen größeren Abschnitt daraus anhören zu müssen. Die bei analogen Bandaufzeichnungen eingesetzten Verfahren ermöglichen es nicht, gezielt auf Bestandteile des Textes zuzugreifen und diese komfortabel weiterzuverarbeiten. Der Einsatz digitaler Aufzeichnungstechnik bildet die Grundlage für eine Umsetzung komfortabler Navigationshilfen und Suchmechanismen.

Was bringt die neue Hörbuchgeneration?

Für aufwendig gestaltete Fach- und Sachliteratur bieten digitale Aufzeichnungs- und Verarbeitungsverfahren enorme Vorteile. Besonders interessant werden digitale Hörbücher dann, wenn dem Leser bzw. Hörer nicht nur das von einem qualifizierten Sprecher gelesene Buch, sondern auch der zusätzlich abgespeicherte Originaltext, angeboten werden kann. Mit seiner Hilfe wird es möglich,

Diese vielfältigen Zusatzfunktionen dürften vor allem für die Bereiche der schulischen, beruflichen und universitären Ausbildung von großem Wert sein. Im privaten Bereich sind Kochbücher, Lexika und viele andere nützliche Nachschlagewerke sinnvolle Anwendungen einer neuen Hörbuchgeneration.

Auch der Leser von Romanen, Kriminalerzählungen oder Kurzgeschichten kann die Vorteile digitaler Hörbücher nutzen. Er ist aufgrund der neuen Funktionen in der Lage, gezielt Kapitel oder Abschnitte im Buch aufzufinden und die interessantesten Stellen in seinen Lieblingsbüchern durch Lesezeichen zu markieren.

Wann kommt die neue Hörbuchgeneration?

Einige internationale Hörbüchereien haben bereits erste Erfahrungen bei der Nutzung digitaler Aufzeichnungstechnik gesammelt. Dabei wurden hauptsächlich Versuche gestartet, analog aufgezeichnete Mutterbänder auf digitale Datenträger umzuschneiden und zu archivieren. Eine offene Frage ist dabei, welches Speichermedium als das geeignete anzusehen ist. Einigkeit herrscht darüber, dass die herkömmliche analoge Kassette derzeit noch das geeignetste Ausleihmedium ist, jedoch dringend nach Alternativen gesucht werden muss.

Die ISAT-Gruppe hat die Testversion ihrer Produktionssoftware für den Herbst diesen Jahres angekündigt. Es ist geplant, sie von Mitgliedern des DAISY Consortiums zu testen, eventuelle Verbesserungsvorschläge in die Entwicklungsarbeiten einzubringen und die Mitarbeiter der Hörbüchereien im Gebrauch des Systems zu trainieren.

Für besonders ungeduldige Anwender werden bereits im Sommer die ersten kostenfreien Versionen einer einfachen Aufnahmesoftware (SIGTUNA-Recorder) und Wiedergabesoftware (SIGTUNA-Browser) im Internet verfügbar sein. Das SIGTUNA-Projekt, finanziert von den japanischen DAISY-Mitgliedern, hat sich zum Ziel gesetzt, die Vorteile digitaler Hörbücher mit den Nutzungsmöglichkeiten des Internet zu verbinden. Der SIGTUNA-Browser ermöglicht es blinden Computernutzern, digitale Hörbücher und andere Informationsangebote mit einem Personalcomputer aus dem Internet zu holen.

Welche Wiedergabemöglichkeiten werden zur Verfügung stehen?

Die Beantwortung dieser Frage ist mit der Diskussion verbunden, ob es notwendig ist, spezielle Wiedergabegeräte zu entwickeln und inwieweit Lösungen, die für den Massenmarkt konzipiert sind, Verwendung finden können. Klar ist, dass die derzeit im Handel verfügbaren digitalen Systeme CD-Player, DAT-Recorder und Minidisk weder ausreichende Speicherkapazität besitzen noch geeignete Funktionsmerkmale aufweisen, um als Wiedergabegerät für umfangreiche Hörbücher zu dienen. Ein geeignetes Speichermedium der Zukunft ist die für digitale Video-Aufzeichnungen und andere Multimedia-Anwendungen entwickelte DVD. Dieser CD-Nachfolger wird bereits für einige Personalcomputer angeboten. In Kombination mit dem SIGTUNA-Browser wird somit ein leistungsfähiges Wiedergabesystem zur Verfügung stehen.

Im DAISY-Projekt ist selbstverständlich auch an die Interessen der älteren und nichtcomputernutzenden Hörbuchleser gedacht. Japanische und kanadische Unternehmen präsentierten in Hamburg die Prototypen ihrer transportablen Wiedergabegeräte. Beide Systeme werden in einfachen und komfortablen Varianten angeboten. Die Geräte ermöglichen sowohl das Abspielen von digitalen Hörbüchern als auch von handelsüblichen CDs. Die komfortablen Varianten bieten die oben beschriebenen Navigationshilfen und Suchfunktionen an.

Durch den Einsatz moderner Informationstechnologien können die vom DAISY Consortium entwickelten Standards und Richtlinien in unterschiedliche Aufzeichnungs- und Wiedergabesysteme integriert werden. Hierzu sind jedoch noch viele Entwicklungsarbeiten zu leisten.

Nach Einschätzung von Fachleuten, wachsen Fernsehen, Telefon, Mobilfunk und Internet zusammen. Diese Entwicklungen verändern viele Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es ist somit unumgänglich, durch die dabei eingesetzten Technologien auch neue Informations- und Kommunikationsangebote für blinde und sehbehinderte Menschen zu schaffen. Die durch DAISY initiierten Entwicklungen können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Sie sind ein Anfang und bedürfen dringend weiterer Unterstützung.

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