Gemeinsame Aufgaben für MEDIBUS

Stellungnahme des DBSV DAISY-Beauftragten zum Diskussionsbeitrag von K. Hahn und Dr. F. Van Menxel, "Vom analogen zum digitalen Hörbuch - Zwischenbericht über eine lange Reise", erschienen in der Zeitschrift "Die Gegenwart" April 2002.

Im Beitrag wird deutlich, mit welchen Problemen sich die Blindenbüchereien in Deutschland derzeit auseinandersetzen. Die föderale Struktur der Einrichtungen, die verschiedenen Trägerschaften sowie die unterschiedlichen personellen und finanziellen Ausstattungen sind eine bekannte Tatsache. Im Unterschied zu den skandinavischen Ländern, in deren zentral geführten Blindenbüchereien die Digitalisierung längst im vollen Gange und DAISY-Buchausleihe schon Normalität ist, weisen die deutschen Einrichtungen kein einheitliches Bild der Umsetzung dieser neuen Aufgabenfelder auf. Dies ist auch kurzfristig nicht zu erwarten, denn zu verschieden sind die personellen materiellen und finanziellen Ressourcen der Trägervereine, Stiftungen oder Landeseinrichtungen. Wir stehen also vor der Frage, wie kommen wir unter diesen Bedingungen zu einer dem digitalen Medienzeitalter angemessenen Informationsversorgung blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland?

Die Herstellung und Verbreitung von Brailleschrift, Hörbuch, Großdruck und elektronischen Informationsangeboten via Internet oder CD-ROM wächst zusammen, der Fachmann spricht hierbei von Medienkonvergenz. Blindenbüchereien und Selbsthilfeverbände Deutschlands tragen dem Rechnung und schließen sich in der Mediengemeinschaft für Blinde und Sehbehinderte "MEDIBUS" zusammen. Ziel ist es, gemeinsame Aufgabenfelder wie Lizenzfragen, Technologie- und Qualitätsstandards sowie den Wissenstransfer untereinander zu effektivieren. Auch ist mit dieser Plattform eine mit der Selbsthilfe gemeinsam organisierte politische Lobbyarbeit und ein dringend verbessertes Marketing möglich. In MEDIBUS sowie in die zu lösenden technischen Aufgaben (Digitalisierung und Archivierung von Hörbuchbeständen, DAISY-Produktion oder zeitgemäße Verbreitung digitaler Bücher) kann sich jede Organisation (ihren Voraussetzungen entsprechend) einbringen. So wird föderale Vielfalt gewahrt und gemeinsam gehandelt. Ein völliger Zusammenschluss und Neuanfang erscheint abwegig, schließlich dürfte allein die Findungsphase der Gesellschafterversammlung (zusammengesetzt aus zahlreichen Trägervereinen, Stiftungen und Landesregierungen) jeden Anspruch an Effizienz und Modernität at absurdum führen.

Der im Beitrag angesprochene Widerspruch zwischen DAISY- und handelsüblicher MP3-Technik existiert nicht. Jeder, der schon einmal ein DAISY-Buch produziert hat, weiß, dass diese Bücher auch bei entsprechender Bearbeitung und Komprimierung auf MP3-Geräten abgespielt werden können. Es gibt weniger komfortable jedoch preisgünstige Alternativen (z. B. Rio Volt SP 250) zu den teuren Spezialgeräten (Victor und Plextalk). Was in Deutschland fehlt, sind die Bücher. Einige Hörbüchereien produzieren derzeit Titel und werden gegen Ende diesen Jahres mit ihrer Ausleihe beginnen. Dies wird helfen, das "reiche Deutschland" endlich auf den international schon längst in Fahrt gekommenen Zug des digitalen Hörbuchs zu bringen.

Dr. Th. Kahlisch
(Direktor DZB Leipzig und DAISY-Beauftragter des DBSV)
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