Kalenderblatt – Ende Juni 1968: Abschlussprüfung der ersten blinden Programmierer

Es waren europaweit die ersten blinden Programmierer, die Ende Juni 1968 in Leipzig ihre Abschlussprüfung ablegten. Überlegungen der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB), die Herstellung von Punktschriftliteratur zu modernisieren, hatten zur Zusammenarbeit mit dem damaligen VEB Maschinelles Rechnen geführt. Der Betrieb befand sich im Aufbau und suchte nach Programmierern für elektronische Datenverarbeitungsanlagen. Daraus ergab sich die Frage: Können Blinde in diesem Beruf ausgebildet und in der Praxis tätig werden? Es war ein Experiment, das blinden und sehbehinderten Menschen ein neues Berufsfeld eröffnen sollte.

Sieben Teilnehmer begannen am 2. Februar 1968 mit der fünfmonatigen Ausbildung. Dass der Unterricht ohne Tafelbild erfolgen musste, war für die Ausbilder des VEB zunächst eine Herausforderung. Sie erschraken vor dem 16‑bändigen Handbuch für den „robotron 300“, das die DZB in Punktschrift übertragen hatte, entwickelten aber gemeinsam mit den Teilnehmern eine geeignete Methode zum Programmieren. Neben der Punktschriftmaschine kam dabei lediglich eine Schwarzschriftschreibmaschine zum Einsatz. Die Anforderungen in der Abschlussprüfung entsprachen denen, die an Sehende gestellt wurden. Alle blinden Absolventen wurden vom VEB Maschinelles Rechnen übernommen.

Um ein reguläres Angebot für blinde und sehbehinderte Menschen zu schaffen, wurde die Ausbildung nach dem erfolgreichen „Testlauf“ in Leipzig vom Rehabilitationszentrum (heute BBW) in Chemnitz weiterentwickelt. Der erste Jahrgang für blinde Programmierer startete dort am 1. September 1969. Damit war die damalige DDR der Bundesrepublik um eine Nasenlägen voraus. Am Berufsförderungswerk Heidelberg fiel der Startschuss zwei Jahre später: Am 21. Juni 1971 begannen 15 blinde und sehbehinderte Teilnehmer eine 18‑monatige Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann und Programmierer.

Dank Braillezeile, Vergrößerungssoftware und Sprachausgabe ist der Computer heute zum wichtigsten Arbeits‑, Informations‑ und Kommunikationsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen geworden. Informatiker, wie sich die Programmierer inzwischen nennen, stehen durch den rasanten technischen Fortschritt vor sich ständig wandelnden Herausforderungen. Grafische Benutzungsoberflächen und berührungssensitive Bildschirme sind nur zwei Beispiele für Barrieren, die die Experten des DBSV auf den Plan rufen. Als Blinder oder Sehbehinderter im IT‑Bereich erfolgreich Fuß zu fassen, bedeutet, flexibel und schnell auf die Veränderungen in der Branche zu reagieren und sich ständig in erheblichem Maße weiterzubilden. Füllte das Fachwissen anfangs viele Bände Punktschriftliteratur, so greift der Lernende heute zu E‑Book, Online‑Datenbank und virtueller Lernumgebung, sofern diese barrierefrei gestaltet sind.

Gert Sandig, Teilnehmer des ersten Leipziger Ausbildungsjahrgangs für blinde Programmierer

Dr. Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig