Mit der Braillezeile durch das Internet

Von Thomas Kahlisch

Vorige Woche schickte ich einem an unserem Institut in einem Teilzeitjob beschäftigten Informatikstudenten eine Mail (elektronischer Brief). Ich forderte ihn auf, nun endlich die Installation eines bestimmten Programmes auf unserem Zentralrechner abzuschließen. Solche Verzögerungen ist man von ihm sonst nicht gewohnt. Er kam auch noch am gleichen Tag in mein Büro und entschuldigte sich. Er sagte, dass er gestern die Arbeiten fortsetzen wollte, aber über das WWW-surfen die Zeit vergessen habe. Er werde gleich heute Nachmittag weitermachen.

Diese Entschuldigung nahm ich ihm gern ab, habe ich doch auch schon manchen überaus kurzweiligen und unterhaltsamen Ausflug durch das modernste Informationssystem des Computernetzwerkes Internet mit meiner Braillezeile unternommen.

Mit dem Informationssystem WWW (World Wide Web) - auf Deutsch bedeutet das soviel wie "weltweites Gewebe" - kann man sich eine Fülle von unterschiedlichsten Informationen auf seinem Computer anzeigen lassen. Das weltweite Gewebe ist dabei absolut wörtlich zu nehmen. Internationale Konferenzberichte, Fachartikel von Geschichte bis Raumfahrt, die neuesten Spiegel-Artikel oder die letzte Ansprache des amerikanischen Präsidenten sind nur Beispiele aus dem breit gefächerten Angebot.

Die verfügbaren Informationen sind in der Regel Texte, die auch mit den uns zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln Großschrift, Braillezeile und Sprachausgabe zugänglich gemacht werden können. Das WWW bietet jedoch noch viel mehr. Der Text kann mit Bildern, Videos und hörbaren Informationen verbunden werden.

Damit auch der blinde bzw. sehbehinderte Nutzer einen Eindruck von den Bildern und Videos erhalten kann, werden diese mit kurzen Kommentaren für die Braillezeile oder die Sprachausgabe angeboten.

Natürlich hat die Sache auch einen Haken. Um das WWW zu nutzen, muss man seinen Computer an das Internet anschließen, und das kostet in Deutschland noch viel Geld. Aber die Dinge sind im Fluss, und es ist sicher nur eine Frage der Zeit, wann die ersten bezahlbaren Zugänge möglich sind. Bis dahin bleibt die Nutzung des WWW den Hochschulen und Universitäten vorbehalten. Die Wissenschaftler und Studenten setzen diese modernen Medien gern für den schnellen Informationsaustausch ein.

Um die Interessen und Anliegen blinder und sehbehinderter Menschen diesem Personenkreis näher zu bringen, und um die neuen Technologien auszuprobieren, werden Artikel aus der "Gegenwart" ab April 1995 auch im WWW nachzulesen sein. Wenn Sie mehr Informationen haben möchten, dann melden Sie sich bei der Arbeitsgruppe Studium für Blinde und Sehbehinderte an der TU Dresden, Fakultät Informatik, Institut für Informationssysteme, 01062 Dresden; Telefon: 0351/463 8467.

Startseite