So entsteht ein Buch für Blinde

Von Gabi Schulze und Dr. Thomas Kahlisch

Im Zeitalter der Computer- und Medientechnik hört man immer wieder, dass es das klassische Buch und die klassische Tageszeitung bald nicht mehr geben wird. In Zukunft - so heißt es - kommen die Zeitung und das Buch digital über das Internet ins Haus, auf elektronischem Papier, das man überall lesen kann. Das E-Book, ein handlicher, schnurloser Computer, der bis zu 4000 Buchseiten speichert, ist bereits auf dem Markt. Dem e-Papier soll in zwei bis drei Jahren der Durchbruch gelingen.
Inwieweit diese Prognosen das Ende des klassischen Buches heraufbeschwören, sei dahin gestellt. Doch können Sie sich eine Welt ohne Bücher, Zeitschriften und Zeitungen vorstellen? Wie langweilig und trostlos wäre das Leben! Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks vor 600 Jahren war eine der genialsten Leistungen, die den Menschen ermöglichte, ihr Wissen zu verbreiten. Obwohl es noch Jahrhunderte dauerte, bis das gedruckte Wort zur Massenware wurde, blieben den blinden Menschen in der Vergangenheit die Bücher verschlossen. Ohne lesen zu können wurden sie von den Sehenden isoliert und nicht gleichwertig behandelt. Das sollte sich ändern, nachdem ein kluger junger Mann namens Louis Braille in Frankreich das faszinierende System der sechs erhabenen Punkte entwickelte - das Blindenschrift-Alphabet, auch Braille-Alphabet genannt. Das war vor genau 175 Jahren.
Dieser Artikel erklärt am Beispiel der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) wie Gestern und Heute Bücher in Braille-Schrift entstanden und entstehen.

Gestern - Punktdruck mit der Punziermaschine

Die ersten Bücher in Braille-Schrift schrieb man in mühsamer Handarbeit mit Schreibtafel und Griffel. Die Punkte wurden seitenverkehrt - von rechts nach links - in das Papier gedrückt.
Die Einführung der Punktschriftbogenmaschine ermöglichte nicht nur die Produktion einer größeren Anzahl von Büchern, der Übertrager war jetzt auch in der Lage, eventuelle Fehler zu korrigieren. Die sogenannte "handschriftliche Übertragung" war lange Zeit ein Verfahren der Blindenbuchproduktion, das allmählich von einem zweiten Verfahren, dem Punzieren abgelöst wurde. Das Wort "Punzieren" ist dem Punzen, einer alten handwerklichen Blechbearbeitung, entlehnt. Großer Vorteil dieses Verfahrens: Aus einer punzierten Vorlage können Bücher mit mehreren Abzügen gedruckt werden.

Zur Herstellung von Büchern mit höheren Auflagen wurden dazu sogenannte Matrizen benötigt, von denen man beliebig viele Abzüge erhalten konnte. Eine Matrize ist z. B. eine Zinkblechplatte. Sie kann aber auch aus anderem Material sein, z. B. aus Aluminium oder PVC. In diese Platte erfolgte mit Hilfe einer Punziermaschine das Einprägen der Punkte, die auf der Rückseite versetzt geprägt wurden, so dass sie zwischen denen der Vorderseite standen.

Nach dem Punzieren der Metallplatte wurde Korrektur gelesen und irrtümlich gestanzte Punkte mussten eben geklopft werden. Danach konnte der Druck der Abzüge beginnen.

Waren die Punkte auf das Papier gedruckt, wurden die einzelnen Seiten zu Büchern gebunden.

Heute - Punktdruck mit Computern

Heute werden die Bücher nicht mehr mühsam mit der Punziermaschine auf Platte geschrieben. Computer übernehmen die Übertragung der Schwarzdrucktexte in Blindenschrift.

Bevor ein Buch in Blindenschrift übertragen und gedruckt werden kann, muss es "vorbereitet" werden. So wie jedes Schwarzdruckbuch hat auch jedes Braille-Buch ein bestimmtes Layout. In der Buchvorbereitung erhält das Buch seine äußere Form. Es wird festgelegt, welche Überschriften, Formeln, Gedichte, Tabellen beim Übersetzen gestaltet werden sollen und wie deren Umsetzung zu erfolgen hat. Tabellen, Grafiken und Bilder müssen in ein geeignetes Textformat gebracht werden. Die Struktur des Buches wird festgelegt. Dann erst kann mit der Blindenschriftübertragung begonnen werden.

Die Vorlage, das sogenannte "Schwarzdruckbuch", wird Seite für Seite gescannt und als Datei gespeichert. Ein speziell für die Blindenschriftproduktion entwickeltes Computerprogramm wandelt die Buchstaben der Schwarzdruckvorlage in die entsprechenden Braille-Zeichen um. Der Übertrager gibt dem Rechner die für die verschiedenen Arbeitsgänge nötigen Befehle ein und überwacht deren Durchführung.

Korrektur - Ein Braille-Buch ohne Fehler

Ist das Buch dann vollständig übertragen, muss es korrigiert werden.

Ein Probeauszug wird gedruckt. Die Korrektur führen jeweils zwei Korrekturleser, ein sehender und ein blinder, aus. Während der Sehende das Original verfolgt, überprüft der Blinde den in Braille-Schrift übertragenen Text. Dieses Korrekturlesen erfordert viel Konzentration, da z. B. wissenschaftliche Begriffe buchstabiert werden und im Zweifelsfall auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

Haben die Korrekturleser ihre Arbeit beendet und wurden die Fehler berichtigt, steht dem Druck des Braille-Buches nichts mehr im Weg.

Drucken und Buchbinden - Ein Braille-Buch nimmt Gestalt an

Der auf Diskette geschriebene Braille-Text wird entweder mit Hilfe von Schnelldruckern aufs Papier gebracht. Ein Schnelldrucker arbeitet ohne Matrizen und druckt die Punkte sofort ins Papier. Oder aber computergesteuerte Punziermaschinen prägen die Matrizen, von denen anschließend beliebig viele Abzüge gedruckt werden können.

Die bedruckten und gefalzten Bogen kommen dann in die Buchbinderei, wo sie genau wie ein Schwarzdruckbuch geheftet und gebunden werden. Einziger Unterschied zum Schwarzdruckbuch: Zwischen jeder Lage findet der Leser ein Falz, damit sich die Punkte im Laufe der Zeit nicht zerdrücken. Auf dem Rücken und dem Buchdeckel, der mit verschiedenen Materialen bezogen werden kann, erscheinen Titel, Autor und Nummer des Bandes in Farb- und Braille-Druck.

Das Braille-Buch ist fertig!

Reliefs - Die Bilder im Braille-Buch

Es ist kein Druckfehler - es gibt auch Bilder für blinde Menschen. Natürlich müssen diese erhaben dargestellt werden, d. h. die Linien und Flächen eines Schwarzdruckbildes sind im Relief unterschiedlich hoch und verschieden tastbar. Die Darstellungen werden auf das Wesentlichste beschränkt. Bei einem Drachen z. B. dürfen der gezackte Rücken, ein Maul mit scharfen Zähnen und eine züngelnde Zunge nicht fehlen.

Reliefs können aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Punktreliefs z. B. entstehen auf Papier. Die Punkte werden hierbei wie bei der Brailleschrift in das Papier geprägt. Für die meisten Reliefs verarbeitet man Folie aus PVC. Das Material ist gut tast- und haltbar. Die Folie wird auf die zuvor angefertigte Matrize gelegt und mit Hilfe des Vakuumtiefziehverfahrens in ihre entsprechende Form "gezogen".

Es ist zunächst das sinnliche Erlebnis, das jeder Bücherfreund genießt, hält er ein Buch in seinen Händen. Er erfreut sich am Duft des Papiers, fühlt seine Oberfläche, blättert die Seiten.
Erst dann beginnt er die ersten Sätze zu lesen und in die Welt des Buches einzutauchen.

Das Braille-Buch ermöglicht es auch blinden Menschen, dieses bezaubernde sinnliche Erlebnis zu genießen.

Die Kinder des Leipziger Computerkurses "Kids & Bits" konnten dies bei einem Besuch in der DZB nachvollziehen. Sie machten die Frage "Wie entsteht ein Braille-Buch?" zum Thema ihres Internetpraktikums. Das Ergebnis kann unter der Adresse www.dzb.de begutachtet werden.

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