Treffen mit Brailles Enkeln
Kurzbericht zur Fachtagung ICCHP 2004 in Paris

Von: Dr. Thomas Kahlisch und Matthias Leopold

Wo, wenn nicht im Geburtsland von Louis Braille soll eine Fachtagung stattfinden, die die verbesserte Informationsmedienversorgung Blinder und Sehbehinderter zum Thema hat?
Alle zwei Jahre treffen sich Fachleute der Informationstechnologie zur ICCHP Internationale Konferenz: Computer helfen Menschen mit speziellen Bedürfnissen , Internet: www.icchp.org.
2004 fand die von Gästen aus 40 Ländern besuchte Tagung an der Universität Pierre und Marie Curie in Paris statt. In zahlreichen Fachvorträgen, Demonstrationen und Workshops informierten Wissenschaftler und Studenten über ihre Arbeiten, stellten Firmen neue Angebote vor und Experten diskutierten über Fragen zur verbesserten Gestaltung von Informations- und Kommunikationstechnologien, die für Jedermann geeignet sind.

Einen breiten Raum nahm in diesem Jahr die Vorstellung von Entwicklungs- und Testwerkzeugen zur Barrierefreiheit von Internetseiten ein. Ob durch die Gesetzgebung der EU oder die in den USA, die Zugänglichkeit von Informationsangeboten für Menschen, die gedruckte Texte nicht lesen können, nimmt wachsende Bedeutung in der Fachdiskussion ein. Nicht nur die Probleme, die der Zugang zu Dokumenten bereitet, die im Format PDF verfügbar sind, zeigen jedoch auch gleichzeitig auf, wieviel in diesem Bereich noch zu tun bleibt.

IBM und die Firma Microsoft erläuterten in Fachvorträgen ihre aktuellen Arbeiten auf dem Gebiet der Zugänglichkeit von grafischen Benutzungsoberflächen. Longhorn soll das neue Windows heißen, in ihm, so wurde dargestellt, wird mit UI-Information ein neuer und wesentlich komplexerer Ansatz zur Sicherung der Zugänglichkeit als in derzeit existierenden Lösungen entwickelt. Da diese neue Technologie neben der Brückenfunktion zu Screenreadern und Vergrößerungsprogrammen auch von Microsoft selbst zur Automatisierung von Testwerkzeugen in Windows genutzt wird, besteht Grund zu der Hoffnung, dass der neue Ansatz nicht zu größeren Verzögerungen bei der Anwendbarkeit des neuen Systems durch Blinde oder Sehbehinderte führen wird. Wir dürfen gespannt sein, was die nächsten Jahre auf diesem Gebiet bringen werden.

Eine Entwicklung ist endlich auch in die Problematik der adäquaten Darstellung von mathematischen Zusammenhängen für blinde Computeranwender gekommen. Im Unterschied zur Braillenotenschrift gibt es bei der Blindenmathematikschrift keine weltweit einheitlich verwendete Notation, in Deutschland ist es die Marburger Mathematikschrift für Blinde. Die vielen Formate haben zu reichlich Verwirrung in den letzten Jahren geführt. In Deutschland gibt es aus Sicht der Autoren derzeit wenig zukunftsweisende Vorschläge, die den Einsatz von LaTeX im Mathematikunterricht blinder Schüler dem der Marburger Blindenschriftnotation bevorzugen.
LaTeX ist eine leistungsfähige Formatierungssprache mit der Formeln so beschrieben werden, wie sie auf Papier oder am Bildschirm dargestellt werden. Auch viele blinde Wissenschaftler haben schon in LaTeX Fachtexte verfasst, nutzten aber, um Mathematik zu üben und zu praktizieren immer die 6-Punkt-Brailleschrift, die aufgrund ihrer kompakten Darstellung dafür besser geeignet ist.
UMA (Universal Math Accessability), Internet: karshmer.lklnd.usf.edu/~igroupuma/, heißt ein international arbeitendes Netzwerk von Experten, das auf Basis von OpenMath-XML neue Formatierungsprogramme entwickelt, die die Übertragung verschiedener Mathematikformate - sowohl Blindenschrift als auch LaTeX oder andere Formatierungssprachen - ermöglichen. Im Rahmen von UMA entsteht ein Mathematiklese- und Navigationsprogramm, welches den Im- und Export verschiedenster Formate erlauben wird. Die Darstellung für den blinden Anwender erfolgt in Brailleschrift oder als gesprochene Formel, für den Sehenden werden die Ausdrücke als Grafik am Bildschirm angezeigt.

Vorgestellt wurden auf der ICCHP 2004 erste Ergebnisse des Projektes DaCapo - zum Wiederbeleben der Braillenotenproduktion in Deutschland - welches finanziert durch das Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherheit (BMGS) und mit Unterstützung des DBSV und des DVBS an der DZB Leipzig läuft, Internet: www.dzb.de/dacapo. Ein Mitarbeiter des Projektes, Matthias Leopold, präsentierte das Konzept der geplanten Software sowie ein erstes Programm, welches die aufwändige Korrektur von Blindennoten durch ihre Visualisierung vereinfachen kann.

Anwendungsfelder der Extendible Markup Language (XML) zeigten sich in fast allen Konferenzbeiträgen, die sich mit dem Thema Zugang zu Informationen für Menschen die gedruckten Text nicht lesen können, befassen. Das französische Netzwerk BRAILLENET sowie die Dänische Blindenbücherei präsentierten Internetlösungen, die es dem blinden Anwender ermöglichen, sich Bücher in Blindenschrift, als synthetisch gesprochenes Audiobuch oder im Internetformat HTML herunterzuladen. Ausgangspunkt dieser Lösungen ist DAISY 3.0, ein Format, welches sicherstellt, strukturierten elektronischen Text mit gesprochenem Wort zu verbinden und komfortabel für verschiedene Medienarten wie Brailleschrift, Großdruck oder Sprache aufzubereiten.

Als "einfach genial" ist eine Entwicklung ungarischer Experten zu bezeichnen. Sie haben einem handelsüblichen Palmtop (einem handflächengroßen Computer) die Brailleschrift beigebracht. Auf dem Touchpad, welches dem sehenden Anwender das Eingeben von Handschrift gestattet, wurden Markierungen für die 6 Punkte aufgebracht und die interne OCR-Software angepasst. Ausgerüstet mit einer Sprachausgabe ist das Gerät laut Aussage der Entwickler besser mit Braille- als mit Schwarzschrift zu bedienen.

Braillezeilen und Screenreader sind für blinde Computeranwender in Kroatien kaum zu bezahlen. Deshalb haben kroatische Fachleute eine auf kostenfreier sogenannter Open-Source-Basis Software entwickelt, die auf jedem PC einfach von einer CD-ROM gestartet werden kann. TLB (Talking Linux for Blind User) heißt das System, welches mit einer kostenlosen Sprachausgabe und vielen einfach zu nutzenden Anwendungsprogrammen ausgerüstet ist. TLB ist laut Auskunft der Fachleute gezielt für ältere und computerunerfahrene blinde Anwender entwickelt worden, deren Geldbeutel für ein teures Windows-System mit Screenreader nicht ausreicht.

Zusammenfassend bleibt anzumerken: bei den auf der ICCHP 2004 vorgestellten Entwicklungen zeigte sich erneut, wie Brailles Enkel im Computerzeitalter mit ihren 6-Richtigen zeitgemäß lesen und arbeiten können. Als Wermutstropfen ist zu ergänzen, dass die Teilnahme deutscher Experten sehr gering war. Was den Eindruck der Autoren verstärkt, dass derzeit im zentralen Land Europas zu wenig auf dem Gebiet der Medienversorgung Blinder und Sehbehinderter getan wird.
2006 findet die 10. ICCHP Tagung in Linz, Österreich statt.

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