Chancen und Herausforderungen einer barrierefreien

Aufbereitung von Schulbuchliteratur durch Verlage

Kongress: XXXV. Kongress für Blinden- und Sehbehindertenpädagogik 2012
Autoren: Julia Dobroschke, Dr. Thomas Kahlisch
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB Leipzig) Ort: Chemnitz
Datum: 01.08.2012

Motivation

Von etwa 100.000 Titeln, die jährlich auf dem Buchmarkt neu erscheinen, werden derzeit nur etwa zwei Prozent pro Jahr durch Blindenbüchereien für sehbehinderte und blinde Menschen produziert und angeboten [vgl. Dittmer 2007]. Hauptgrund für den großen Mangel an Büchern in Brailleschrift und barrierefreien digitalen Formaten ist der sehr zeitaufwändige und kostenintensive Herstellungsprozess, in dem visuell gestaltete und für den Druck optimierte Verlagsdaten sehbehindertengerecht aufbereitet werden müssen. Die Situation der barrierefreien Aufbereitung von Schulbüchern stellt sich jedoch noch schwieriger dar. Hochstrukturierte Inhalte, länderspezifisch wechselnde Lehrbuchinhalte und Schularten sowie die Aufbereitung von zugänglichen Lehrmaterialien in hoher Qualität sind in diesem Zusammenhang große Herausforderungen, die eine umfassende adäquate Versorgung bislang verhindern.

Gründe zum Handeln

Literatur für die schulische Ausbildung wird bisher deutschlandweit von speziellen Institutionen, den Medienzentren, hergestellt. Im Rahmen der UN- Behindertenrechtskonvention (BRK) – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen – ist Deutschland seit 2009 verpflichtet, solche Bedingungen zu schaffen, damit auch behinderte Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. In der BRK werden mit dem Begriff »Inklusion« Ansätze gefordert, die von Beginn an Konzepte für den jeweiligen Lebensbereich im sogenannten »universellen Design« berücksichtigen. Diese Forderung gilt demzufolge auch für den Bereich Bildung, wonach laut Art. 24 des Übereinkommens
»angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden« [BBPM 2011, S. 13] sollen. Einen wichtigen Teilbereich dessen stellt die Versorgung mit entsprechender Schulliteratur dar.
Die Zusammenarbeit mit Schulbuchverlagen ist in diesem Prozess eine wichtige
Säule. Besonders die Bereitstellung von Daten durch die Verlage für die Aufbereitung barrierefreier Inhalte erschien als der vielversprechendste Ansatz, der jedoch bislang zu keiner vollständigen Lösung des Problems geführt hat. Obwohl im geltenden Vertrag von 2003 zwischen dem Hessischen Kultusministerium und dem VdS Bildungsmedien festgehalten wurde, blinde Schülerinnen und Schüler besonders zu unterstützen, fanden die entsprechenden Aufbereitungsverfahren jedoch bislang nicht in ausreichendem Maße Berücksichtigung. Eine der Anregungen zur Weiterentwicklung bestand darin, eine regelmäßig tagende Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen, die den digitalen Wandel in der Verlagswelt analysiert und den Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren verstärkt [vgl. DZB 2011]. Neue
Technologien unterstützen diesen Prozess ebenfalls, da automatisierte Verfahren zur Datenanalyse und -aufbereitung auch immer wichtiger für Verlage werden, Produktionsprozesse zu optimieren.

Situation Schulbuchgestaltung und -herstellung in Verlagen Schulbuchverlage sind im Allgemeinen dazu übergegangen, »offene« Konzepte für verschiedene Lerntypen in einem Produktpaket anzubieten, sodass verschiedene Zugänge zum jeweiligen Lerninhalt für Kinder und Pädagogen möglich sind [vgl. Bercker 2009]. Zudem werden traditionelle Herstellungsprozesse für Print- Workflows von digitalen Herausforderungen wie crossmedialen Abläufen abgelöst. Damit einher geht ebenfalls der Wandel von Produktions- und Vertriebswegen, der weitreichende betriebswirtschaftliche Folgen für die Verlage hat.

Zu den Herausforderungen, denen sich kommerzielle Verlage im digitalen Zeitalter stellen müssen, gehört das »inklusive Publizieren«. Aufgrund der Festlegungen in
der UN-Behindertenrechtskonvention müssen auch in diesem Bereich neue
Zielgruppen bei der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Das kann jedoch nicht nur eine Frage der technischen Umsetzung sein, sondern bedarf auch einem hohen Maß didaktischer und sonderpädagogischer Medienkompetenz. Gerade die umsetzenden Institutionen solcher individuellen Anforderungen haben einen hohen Stellenwert, wozu neben den Medienzentren auch Blindenbüchereien zählen. Institutionen wie etwa die DZB Leipzig haben die Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit Verlagen sowie das produktionstechnische Know-How. Parallel dazu wird hier der Wissenstransfer aus Forschung und Lehre durch die örtliche Nähe zur HTWK und Universität Leipzig gestärkt.

Überlegungen für die Aufbereitung barrierefreier Schulbücher

Die Konzeption von zugänglichen Lehr- und Lernmaterialien muss spezifisch nach sonderpädagogischen Aspekten und für individuelles Lernen einsetzbar sein. Wesentliche Voraussetzungen für die inklusive Beschulung von Kindern mit Sehbehinderung sind »die zeitnahe, adäquate und kostengünstige Aufbereitung […] gedruckter Medien wie Braille- oder Großdruck als auch [...] digitale Verbreitungsformen wie DAISY, E-Braille oder barrierefreies PDF« [Dobroschke/Kahlisch 2011, S. 2]. Trotz neuer Technologien, wie die Projekte DaCapo – Blindenschriftnoten-Produktion [vgl. DaCapo 2012] und Leibniz – Fach- und Sachbuchaufbereitung [vgl. Leibniz 2012] der DZB Leipzig zeigen, bleibt der Aufwand im Verhältnis kosten,- zeit- und personalaufwändig.
Das Projekt »Vorbereitung einer Zielvereinbarung zur verbesserten Versorgung mit Schulbuchliteratur für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler«, welches im Jahr 2010 von der DZB Leipzig zusammen mit der Blindenstudienanstalt Marburg durchgeführt wurde, fand konkrete Ansprechpartner in Verlagen. Damit wurden auch Lösungsansätze diskutiert, um die Schulbuchbranche für das Thema der zugänglichen Literatur zu sensibilisieren.
Im Projekt wurden folgende Anforderungen zusammengetragen, die an ein aufzubereitendes Dokument gestellt werden:

Die Dokumentenvorlage muss der Druckvorlage entsprechen (finale Version).

Das Dokument muss eine inhaltliche Strukturierung enthalten, d.h. die

Lesereihenfolge muss erkennbar sein.

Das Dokument muss mit Formatvorlagen erstellt worden sein.

Weitere Kriterien, die die auszuzeichnenden Strukturelemente sowie ihre Rangfolge betreffen, sind in der Anlage des Projektabschlussberichtes und unter der Projekt- Webseite [vgl. DZB 2010] nachzulesen.

Chancen aus der »Welt der Blinden«

Das DAISY-Konsortium arbeitet seit vielen Jahren gemeinsam mit dem International Digital Publishing Forum [vgl. IDPF 2012] an einem gemeinsamen Standard [vgl. DAISY 2012]. Unter dem Leitbild des »inclusive publishing« wird mittlerweile von einer Harmonisierung von Herstellungsprozessen gesprochen, die die kommerzielle Verlagswelt mit der »Welt der Blinden« verbindet [vgl. DAISY 2012a]. Konkret geht es um die technische Verwandtschaft der Dateiformate EPUB und DAISY, die in ihrer aktuellen Fassung gerade im Bereich der Fach- und Schulbuchübertragung erweiterte Möglichkeiten bieten. EPUB-Bücher, erstellt auf der Grundlage des DAISY-4-Standards, bilden die geeignete Grundlage für zugänglich gestaltete Lehrmaterialien. Limitierender Faktor sind jedoch gegenwärtig die Lesegeräte, die die barrierefreie Nutzung der Literatur einschränken. Eine detaillierte Untersuchung des DAISY-4-Standards findet sich in der Bachelorarbeit von [Schulze 2012], die von der DZB Leipzig betreut wurde.
Auch im Bereich Workflowgestaltung und Konzeption für barrierefreie Literatur schreiten die Entwicklungen voran. So wurde von »Editeur«, einer Arbeitsgruppe für Standards der Welt-Urheberrechts-Organisation (WIPO) ein Leitfaden für barrierefreies Publizieren erstellt. Damit können Verlage wichtige Meilensteine bei Arbeitsprozessen und bei der Erstellung zugänglicher Literatur nachvollziehen [vgl. Hilderly 2011]. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat diese Richtlinien ins Deutsche übersetzen lassen. Sie können online abgerufen werden [vgl. Hilderly
2011a]. Welche Chancen und Herausforderungen mit diesen Richtlinien verbunden sind, wurde in einer weiteren Bachelorarbeit, die durch die DZB vergeben und betreut wurde, untersucht [vgl. Bröckl 2012]. Aus diesen Fakten und Analysen lassen sich ggf. neue Distributions- und Vermarktungschancen ableiten, die sowohl für Verlage als auch für spezielle Institutionen innovative Produktkonzepte darstellen und die Zusammenarbeit zwischen beiden Akteuren erleichtern können.

Zusammenfassung

Die Herstellung eines gedruckten Buches zu ermöglichen, ohne das digitale Zusatzmedium außer Acht zu lassen, ist gegenwärtig eine schwierige Aufgabe in Verlagen. Neben einem solchen flexiblen Konzept muss außerdem berücksichtigt werden, dass verschiedene Zielgruppen angesprochen werden, ohne bestimmte Nutzer zu vernachlässigen. Produktionstechnisch bedeutet das, vielfältige Datenformate zu kennen und entsprechend einzusetzen. Dieser Prozess geht allerdings mit einer kostenintensiven Workflowumstellung einher. Verlage sind darüber hinaus auch mit diversen Vermarktungsplattformen und unterschiedlichen Vertriebsmodellen konfrontiert, z.B. den Verkauf durch Apps oder auch den Verleih über Plattformen. Auch hier sind strategische Entscheidungen erforderlich.
Um die Kommunikation mit Verlagen zu intensivieren, muss die Situation der
Branche bekannt sein. Durch die Vergabe von kooperativen wissenschaftlichen
Arbeiten, wie es der DZB u.a. mit »libreka!«, dem Ernst Klett Verlag und den S. Fischer Verlagen gelungen ist, zeigt sich, dass Anforderungen gerade im Kontext barrierefreier Produktionen dokumentiert werden müssen.

Ausblick

Eine Produktgestaltung, die alle Aspekte im Sinne des »universellen Designs« vereint, ist vermutlich eine Vision. Genau diese braucht es aber, um Lösungsansätze zu entwickeln. Für den Bereich barrierefrei gestalteter Lehr- und Lernmaterialien scheint es hohen Handlungsbedarf zu geben, da es praktisch keine kommerziellen Angebote gibt, um im inklusiven Unterricht auch den Anforderungen blinder und sehbehinderte Kinder gerecht zu werden. In Kooperation mit der Universität Leipzig, HTWK Leipzig und der DZB wird Ende des Jahres ein kooperatives Promotionsverfahren eröffnet, bei dem die Erarbeitung eines Gestaltungskonzeptes im Kontext der Inklusion erstellt wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Auswirkungen die Forderung nach einer barrierefreien Aufbereitung von Lehrinhalten an die bestehenden Verlagskonzepte hat. Die Untersuchung richtet sich hauptsächlich auf drei Bereiche:

Untersuchung der inhaltlichen und didaktischen Ebene von Schulmaterialien

Ermittlung herstellerischer und produktionstechnischer Parameter

Prüfung der (betriebswirtschaftlichen) Umsetzbarkeit

Schwerpunktmäßig wird an den Frühförderbereich angeknüpft, wobei der Prozess des Schriftspracherwerbs im Erstlesealter untersucht und mit den Anforderungen aus sonderpädagogischer Sicht und der gegenwärtigen Verlagspraxis verglichen wird. Aus den o.g. drei wesentlichen Bereichen kann später eine Empfehlung abgeleitet werden, wie Lehr- und Lernmaterialien mit dem Ansatz des »universellen Designs« gestaltet sein müssen. Der Erkenntniswert des Vorhabens besteht daher in der Verbesserung der Schulbuchversorgung durch ein Konzept zur Schulbuchgestaltung für den Inklusionsunterricht, der im Grundschulbereich ansetzen wird.

Referenzen

[BBBM 2011] Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen: Die UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, letzter Zugriff am 05.08.2012 unter: http://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschuere_ UNKonvention_KK.pdf? blob=publicationFile,

[Bercker 2009] Bercker, Kirsten: Herausforderung Schulbuch – Ein Blick hinter die Kulissen eines Schulbuchverlags, letzter Zugriff am 17.08.2012 unter: http://bildungsklick.de/a/66078/herausforderung-schulbuch/

[Bröckl 2012] Bröckl, Franziska: Arbeitsablauf zur Herstellung barrierefreier

E-Books in Verlagen – Möglichkeiten und Grenzen, HTWK Leipzig: Bachelorarbeit [DaCapo 2012] Braille-Noten-Service DaCapo, letzter Zugriff am 17.08.2012 unter: www.dzb.de/dacapo

[DAISY 2010] DAISY Newsletter: DAISY=Accessibility, Will EPUB3=Accessibility?, in: The Daisy Planet, 12/2010, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter: http://www.daisy.org/planet-2010-12#a1

[DAISY 2012] DAISY Standard, letzter Zugriff am 17.08.2012 unter:

http://www.daisy.org/daisy-standard

[DAISY 2012a] EPUB 3 as a Foundation for Inclusive Publishing, in: The Daisy

Planet, 03/2012, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter: http://www.daisy.org/planet-
2012-03#a5

[Dobroschke/Kahlisch 2011] Dobroschke, Julia/Kahlisch, Thomas: Vorbereitung einer Zielvereinbarung zur verbesserten Versorgung mit Schulbuchliteratur für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler, letzter Zugriff am 12.08.2012 unter: http://www.die-zukunft-barrierefrei.de/de/schulbuch- projekt/abschlussbericht/ergebnisse

[DZB 2010] DZB Startseite, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter:

http://www.dzb.de/

[Hilderly 2011] Hilderly, Sarah: Accessible Publishing: Best Practice Guidelines for Publishers, letzter Zugriff am 17.08.2012 unter: http://www.editeur.org/files/Collaborations/Accessibility/Accessible%20Publishing- Best%20Practice%20Guidelines%20for%20Publishers.pdf

[Hilderly 2011a] Barrierefreies Publizieren - Leitfaden für Verleger über optimale

Vorgehensweisen, 2011, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter:
http://www.editeur.org/files/Collaborations/Accessibility/mvb_accessible_publishing
.pdf

[IDPF 2012] EPUB 3 Overview, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter:

http://idpf.org/epub/30/spec/epub30-overview.html

[Leibniz 2012] Projekt »Leibniz« - Sach- und Fachbuchaufbereitung für blinde und sehbehinderte Menschen, letzter Zugriff am 16.08.2012 unter: http://www.dzb.de/leibniz

[Schulze 2012] Schulze, Martin: Erstellung von barrierefreien EPUB3 Büchern auf

Basis von DAISY 4, HTWK Leipzig: Bachelorarbeit