Diskussion: Vom analogen zum digitalen Hörbuch
Zwischenbericht über eine lange Reise

1. Überblick

Die produzierenden Hörbüchereien stehen unter einem hohen Erwartungsdruck. Es geht um das "digitale Hörbuch". Seit Jahren wird experimentiert und entwickelt, die Technik scheint reif zu sein, und die Geldgeber und die technisch versierten Nutzer wollen endlich Ergebnisse sehen. Gleichzeitig bleiben die Hörbüchereien in der Pflicht, ihren Nutzerinnen und Nutzern kontinuierlich ein breites Spektrum an Literatur laufend neu verfügbar zu machen und verfügbar zu halten. Können sie diesen Ansprüchen überhaupt noch gerecht werden und sind die vorhandenen Strukturen überhaupt eine tragfähige Grundlage für eine digitale Zukunft? Wohl nicht! Unsere Absicht ist es, - ohne in technische Einzelheiten zu gehen - Verständnis und Problembewusstsein zu wecken für die Aufgaben, die mit der Digitalisierung einhergehen und gelöst werden müssen. Wir möchten aber auch die breite Öffentlichkeit der "blinden und sehbehinderten Leserschaft", sei es auf individueller, auf Vereins- oder Verbandsebene, informieren, damit ein neues gesellschaftliches Gespräch stattfinden kann, und auch Menschen gefunden werden, die sich aktiv engagieren, um die Versorgung mit Literatur und gedruckter Information für blinde und sehbehinderte Personen in der BRD in neue Bahnen zu lenken und erheblich zu verbessern.

Die Hörbüchereien sehen sich in der Tat vor einer Mammutaufgabe, für die sie finanziell, personell und organisatorisch kaum gerüstet sind. Es ist notwendig, hierüber auch außerhalb interner Zirkel zu diskutieren. Hierzu soll dieser Beitrag den Anstoß geben.

In Abschnitt 2 skizzieren wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Hörbüchereien, unter 3. behandeln wir die Digitalisierung allgemein, im 4. Abschnitt sprechen wir die Frage der Wiedergabegeräte an,, im 5. geht es um Probleme bei der Neuproduktion , im 6. die der Digitalisierung des vorhandenen Bestands, im 7. die Archivierung riesiger Datenbestände. Im 8. und letzten Abschnitt stellen wir die heutige Struktur der Hör- und Punktschriftbüchereien in Frage und versuchen, das Medienzentrum für Sehbehinderte und Blinde der Zukunft zu entwerfen.

2. Wirtschaftlicher und organisatorischer Rahmen

Die Hörbüchereien in Deutschland sind "öffentliche Leihbüchereien" für Blinde und Sehbehinderte. Zugleich sind sie Produktionsstätte, denn Bücher müssen erst einmal vertont werden, bevor sie ausgeliehen werden können. Das ist aufwendig und teuer, so dass der Bestand an ausleihbaren Titeln gegenüber "normalen" Büchereien lächerlich gering ist. Ähnlich wie die Punktschriftbüchereien kämpfen die Hörbüchereien einen aussichtslosen Kampf gegen die chronische Unterversorgung Blinder und Sehbehinderter mit Literatur. Im Gegensatz zu Bibliotheken für Sehende sind sie jedoch keine staatlichen oder kommunalen Einrichtungen, die komplett aus Steuergeldern und (geringfügig) Nutzungsentgelten finanziert werden. Sie sind im Wesentlichen Selbsthilfeeinrichtungen der Betroffenen in Trägerschaft der Blinden- und Sehbehindertenvereine der Länder. Die Finanzierung ist uneinheitlich, nicht vertraglich gesichert und besteht aus einem (in der Regel viel zu niedrigen) Anteil an öffentlicher Bezuschussung, Gebühren oder Spenden der Hörerschaft und pauschalen Zuwendungen der Trägervereine. Die Hörbüchereien haben einen eigenen Personalstamm für Technik, Verwaltung und Ausleihe; die Sprecherinnen und Sprecher arbeiten ehrenamtlich oder nebenberuflich auf Honorarbasis. Die Honorarsätze sind lächerlich niedrig und können besser als kleine Anerkennung des Engagements der Sprecherinnen und Sprecher bezeichnet werden. Alle Ausgaben, die zu den Fixkosten hinzukommen, können die Produktion beschneiden, sei es die Reparatur der Heizung oder der Ersatz einer vorzeitig verschlissenen Kopieranlage. Ausgaben für eine neue digitale Aufnahmetechnik oder zusätzliches Personal für die Bearbeitung der Altbestände hätte faktisch die Einstellung der Neuaufsprachen zur Folge - eine unsinnige Konsequenz. Aber eines nach dem anderen.

3. Allgemeines zur Digitalisierung

Wovon sprechen wir eigentlich? Mit dem "digitalen Hörbuch" meinen wir nicht einen auf Datenträgern vorhandenen Text, der von der Sprachausgabe des PC vorgelesen wird; diese Variante des digitalen Buchs blenden wir an dieser Stelle völlig aus. Wir meinen nur das von einer Sprecherin oder einem Sprecher vertonte, also mit einem künstlerischen, ästhetischen und/oder wissenschaftlichen Anspruch aufgesprochene Buch. Bisher wird diese Aufsprache analog gespeichert und den Nutzern zu Verfügung gestellt, also auf Tonbändern bzw. Kassetten. Heute kann man die Sprache aber auch per Computer aufzeichnen und digital abspeichern, in hoher Qualität und ohne Kopierverluste vervielfältigen und in der Zukunft sogar ohne den Umweg über die Post per Internet den Hörerinnen und Hörern ins Haus schicken. Es liegt auf der Hand, dass wir uns das Erreichen dieser Vision zum Ziel gesetzt haben.

Eine zentrale Frage lautet: In welchem Format (nach welchem Standard) sind die Aufsprachen abzuspeichern? Damit wir CD's und DVD's auf beliebigen Geräten abspielen können, musste sich die Industrie auf internationale Standards einigen. Für digitale Tonaufzeichnungen gibt es derzeit u.a. das WAV-Format. Aber eine als WAV-Datei gespeicherte Aufsprache kann noch lange nicht als Hörbuch präsentiert werden, weitere Bearbeitungsschritte sind erforderlich. Hier bietet auch die Unterhaltungsindustrie einige Standards, diese verändern sich aber rasch.

Können wir auf diese industriellen Standards zurückgreifen oder brauchen wir auch eine Eigenentwicklung für unsere Zwecke oder eine Kombination von beidem? Vor einigen Jahren sah es danach aus, als kämen wir um eine grundlegende Eigenentwicklung nicht herum. Das internationale Daisy-Konsortium wurde - auch mit deutscher Beteiligung - gegründet. Es hat gearbeitet und Ergebnisse vorgelegt. Inzwischen war aber auch die Industrie nicht faul und kann Alternativen vorweisen. Ist Daisy damit in den Sand gesetzt? Sicher nicht, denn es hat die Anforderungen an ein digitales Hörbuch aufgestellt und könnte - ähnlich einem Screen Reader - auf die Standard-Software aufgesetzt werden. Daisy-Bücher, die einen hervorragenden Lesekomfort geben, werden inzwischen schon realisiert. Aber braucht man die gesamten Vorteile der Digitalisierung für alle Bücher, wie man sie für wissenschaftliche Arbeiten braucht (wie Übernahme der Gliederung, um einzelne Kapitel direkt anspringen zu können, ebenso die Seitenzahlen, Fußnoten usw.) oder genügt es, die Möglichkeiten der Kassette zu übertragen, also z.B. ein Lesezeichen zu setzen und vor- oder zurückzuspulen?

4. Wiedergabegeräte

Wie werden die digitalen Hörbücher zugänglich sein? Diese Frage ist von den Produktionsstandards abhängig. Sie ist auch noch nicht ausdiskutiert worden. Wollen die blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland ihr eigenes blindenspezifisches digitales Abspielgerät fordern und fördern, wie es z.B. in angelsächsischen Ländern bisher auf analoger Ebene üblich war? Dies scheint z.Z. wieder die angestrebte Lösung in diesen Ländern zu sein. Heißt die Lösung: nur spezifische Geräte, die für Blinde geschaffen sind z.B. "Victor" oder "Plextalk"? Diese Geräte sind nicht gerade billig und werden auch niemals über die normale Handelsschiene vertrieben werden. Oder sollen die digitalen Hörbücher auch über die Medien der elektronischen Unterhaltungsindustrie abspielbar sein können? Man denke hier an die inzwischen billigen MP-3- und DVD-Abspielgeräte. Vor Jahrzehnten ist im deutschsprachigen Raum die Grundsatzentscheidung im allgemeinen Konsens gefallen, sich an die Unterhaltungsbranchen anzulehnen. Wie ist es jetzt? Im Moment scheint ein Zwiespalt zu entstehen: Auf der einen Seite wird das Daisybuch mit blindenspezifischen Abspielgeräten angestrebt, auf der anderen Seite wird die Option MP-3 usw. offen gelassen, sogar in Technikerkreisen der Hörbüchereien favourisiert. Dies vereinfacht die Aufgabe der Digitalisierung nicht.

5. Produktion neuer Hörbücher auf digitaler Ebene

All das muss vorab und mindestens für den deutschsprachigen Raum geklärt sein. Für die Produktion muss vor Beginn der digitalen Aufnahme feststehen, ob man hier mit der Daisy-Software oder mit einer anderen Software arbeitet. In jedem Fall ist die Aufsprache deutlich aufwendiger und fordert mehr Zeit als die bisherige Technik. Zur Zeit fehlen noch die Geräte, die - einem Tonbandgerät ähnlich - es erlauben, dem "Erzähler" (so wie sich unsere "klassischen" Sprecher verstehen) seine Vorlage unmittelbar und ohne Nachbearbeitung oder Konvertierung "künstlerisch" umzusetzen. Die Vor- oder Nachbearbeitung der Aufsprache erfordert zusätzliches, spezialisiertes und geschultes Personal. Zu jeder Sprecherstunde muss wieder - wie früher einmal - eine Technikerzeit kommen, um die Aufnahme zu betreuen und vor allem die ergänzenden Informationen zu erfassen. Hinzu kommen weitere Kosten für das (zur Zeit jedenfalls) aufwendige Umkopieren der digitalen Aufsprachen auf Kassetten, wobei die Frage erlaubt sein sollte: Wie lange noch müssen wir die Ausleihkopien auf Kassetten umkopieren? Zur Zeit kann man auf die Kompakt-Kassette noch nicht verzichten und dies verursacht Kosten, die den Umfang der Produktion beeinträchtigen. Wird nun die erwähnte permanente Unterversorgung noch schlimmer?

6. Digitalisierung des Altbestands

Eine Aufgabe von eigener Dimension ist die Konvertierung des in fast 50 Jahren gewachsenen analogen Buchbestands, den es auch zu digitalisieren gilt. Die Erfahrungen der letzten Monate in verschiedenen Hörbüchereien mit unterschiedlichen Mitteln sind ermutigend und zeigen wohl, dass die Digitalisierung "machbar" ist. Allerdings ist der Ausstattungs- und Personalaufwand nicht gering! Ein Engpass, sozusagen ein Flaschenhals, ist die Konvertierung der analogen Bandaufnahmen in die digitale Ebene. Hier muss unterschieden werden zwischen Wav- und Daisy-Daten. Die Konvertierung in ein gängiges Wav-Format verläuft vom Band relativ linear und problemlos, sie ist aber langsam und das Ergebnis ist nur eine Wav-Datenbank.

Will man die Hörbücher etwa in eine Daisy-Software strukturiert auf digitale Ebene übertragen, ist der Zeitaufwand noch deutlich höher. Dies kann nur anhand der Schwarzdruckvorlage und mit umfangreichen Strukturarbeiten geschehen. Manche Schwarzdruckvorlagen oder sogar gute Bandaufnahmen sind nicht mehr verfügbar! Das heisst, dass manche wichtigen Bücher vollständig neu gelesen werden müssen, falls sie in das Daisyformat umgesetzt werden sollen. Andere Bücher sind in so schlechter Qualität aufgesprochen, dass sie es nicht wert sind, digitalisiert zu werden. Es wird zu entscheiden sein, ob sie neu produziert oder bis zum endgültigen Verschleiß nur als Kassette verfügbar gehalten werden.

7. Archivierung des Datenbestands

Ein weiterer Aspekt muss noch beachtet werden. Die Konvertierung der analogen und die Neuproduktion der digitalen Hörbücher ergibt riesige Datenmengen (im Terabyte-Bereich), die komprimiert oder unkomprimiert gesichert werden und schnell zugriffsbereit bleiben müssen. Auf dieser Ebene kommt eine ganz neue Problemkonstellation auf die Hörbüchereien zu! Einem Seiltanz gleich muss ein Gleichgewicht gefunden werden zwischen hoher Sicherheit, Datenverfügbarkeit und ökonomischen Zwängen! Dieser Seiltanz ist noch komplizierter, weil permanent neue Lösungen - ohne Gewährleistung - angeboten werden und bisherige Lösungen auf einmal nicht mehr praktikabel sind, weil sie durch den "Markt" überholt wurden! Das könnte eine permanente Migrierung der Daten erforderlich machen mit unterschiedlichen Sicherungssystemen, mit sehr variierenden und sich ständig verändernden Hardware- und Softwarekomponenten, wobei nicht eine einzige Norm für die Hersteller verbindlich ist! Auch das wird eine Aufgabe für hochqualifiziertes Personal sein.

8. Digitales Medienzentrum der Zukunft

Fassen wir schon einmal zusammen. Um eine digitale Bücherei zu erreichen, ist deutlich mehr Arbeit bei der Buchproduktion einzuplanen, es ist auch an einen Mehraufwand in Arbeit und Zeit bei der Konvertierung des analogen Bestandes zu denken und drittens ist die Bildung, Sicherung und Handhabung eines digitalen Hörbucharchivs auf lange Sicht mit hohen Kosten verbunden! Ist dies alles schon von den Hörbüchereien zu bewältigen und zu erwarten, ohne dass die analoge Hörbuchproduktion darunter leidet und ohne dass massive und auf lange Sicht gesicherte finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen?

Wäre es denn nicht wünschenswert, neue Initiativen und Ideen zu besprechen und zuzulassen, um die Versorgung mit Literatur für Blinde auf digitaler Ebene zu sichern? Wären nicht zahlreiche neue individuelle Initiativen zu fördern, die sich der Aufsprache von Hörbüchern widmen, wenn die digitalen Produkte oder Reproduktionen einfach geworden sind? Jetzt schon kann jeder Audio-CD's kopieren und bald könnte jeder mit einem Laptop und Mikro zu Hause Bücher aufsprechen lassen. Wäre es nicht an der Zeit, neue Gespräche zu suchen auf Bundesebene zwischen Juristen, Sozial- und Kulturpolitikern und Vertretern der Blindenverbände sowie Hörbüchereien und Aufsprachedienste, um neue Organisationsstrukturen und neue Finanzierungswege zu finden, damit das digitale Hörbuch bald für alle Betroffenen Wirklichkeit wird? Wäre dies nicht sogar die vorrangige Aufgabe für den angestrebten neuen Verein "Medibus", den neuen Dachverband der Medienversorgung für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland, ein gesellschaftliches Gespräch zu organisieren und sich dafür einzusetzen, dass die bisherige Versorgung mit Literatur und gedruckten Informationen auf neue Füße gestellt wird?

Wie könnten diese neuen Strukturen aussehen?

Vorteile:

Risiken:

Ansätze:

K. Hahn, Vorsitzender des BSV Westfalen
Dr. F. Van Menxel, Geschäftsführer der WBH Münster
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