Vorlesungsmitschriften

 

„Oh, ich setze mich besser nicht neben dich“, sagt sie und ist verschwunden. Die ganze Sitzreihe wackelt, wenn ich mir Notizen mache. „Da wissen wir immer, dass du da bist“, meinen die Kommilitonen. Dass die mich so kontrollieren können, finde ich nicht gerade erbaulich. Am Anfang war der ganze Hörsaal geschockt, wenn ich mit den sechs Tasten loslegte. Später erklärten mir einige, dass es schon ziemlich nerve, wenn sie gerade an einem Problem brüteten und ich zu schreiben begann. Die wahren Experten können mit einer Tafel sticheln. Da rattert es nicht, sondern knackt nur ganz leise, wie am Lagerfeuer. Mir als Späterblindetem ist das nichts, ich hab’s versucht, ehrlich!

 

Es ist eine Herausforderung, die vielen Symbole eines Informatikstudiums mit den Pünktchen darzustellen. Ich denke mir Schreibweisen aus, die ja nur ich wieder lesen muss. Blöd, wenn der Mensch vorne an der Tafel seinen Vortrag mit Äußerungen würzt wie: „Und dann erhalten wir dieses Ergebnis!“ Ich rufe rein „Welches?“ Der Prof zögert und versteht nicht, wer da die Vorlesung stört. Der rote Faden ist weg. Zeit zu träumen. Stell dir vor, es gibt tragbare Computer, die mit einer Blindenschriftausgabe versehen sind. Ich könnte die Vorlesungsskripte vom Prof bekommen. Meine Gedanken verlieren sich in Träumen des uneingeschränkten Zugangs zu Informationen und lautlos arbeitenden Aufzeichnungsgeräten.

 

„Kommst du mit in die Mensa?“, reißt mich ihre Stimme aus meinen Visionen. „Klar, sehr gerne. Kannst du mir in Mathe helfen?“, frage ich. „Wenn du mir bei der Hausarbeit in Programmierung hilfst?“ „Kein Thema“, sage ich und bin froh, dass auch ich etwas zum Gelingen des Nachmittags beisteuern kann.

 

((Autor))

Dr. Thomas Kahlisch (45), Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) und Mitglied des DBSV-Präsidiums. Er erblindete im Alter von 14 Jahren an Netzhautablösung.